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Neuss: Nicht aufs Gymnasium festlegen

Neuss : Nicht aufs Gymnasium festlegen

Interview Heute beginnen die Anmeldungen für die weiterführenden Schulen. Die NGZ hat mit Hans Kemper gesprochen, beim Schulpsychologischen Dienst des Rhein-Kreises Experte für den Schulwechsel.

Herr Kemper, wer steht heute eigentlich mehr unter Druck: Die Eltern oder die Kinder, wenn es um die Entscheidung für die weiterführende Schule geht?

Hans Kemper Für beide ist es eine Drucksituation, die sich gerade jetzt, wo die Zeugnisse vergeben worden sind, immer mehr aufbaut. Die Spannung lässt erfahrungsgemäß erst dann nach, wenn die Schüler angemeldet sind.

Der Druck ist bei vielen Familien vor allem deswegen so groß, weil es unbedingt das Gymnasium sein soll.

Kemper Der größte Fehler, den Eltern machen ist, sich zu früh festzulegen. Viele Eltern sehen nur den einen Weg: Das Gymnasium. Aber sie müssen auf ihr Kind schauen und sehen, welche Begabungen es hat. Und sie sollten sich stets bewusst machen: Nach der zehnten Klasse muss nicht Schluss sein. Es ist doch ein Vorteil unseres Bildungssystems, dass es so offen gestaltet ist.

Dennoch setzen sich viele Eltern über die Entscheidungen der Lehrer hinweg, wenn die keine Gymnasialempfehlung geben.

Kemper Damit nehmen sie ein Scheitern ihres Kindes billigend in Kauf, dass sollte ihnen klar sein. Ich empfehle Eltern, in jedem Fall das Gespräch mit dem Lehrer zu suchen, um sich die Entscheidung erklären zu lassen. Eltern sollten dem Lehrer vertrauen: Er will dem Grundschüler ja keine Steine in den Weg legen, sondern mit seiner Empfehlung den bestmöglichen Weg aufzeigen.

Welche Folgen hat ein Scheitern am Gymnasium für ein Kind?

Kemper Jedes Jahr sehen wir, dass zu viele Kinder von Gymnasien an die Real- und Hauptschulen wechseln müssen. Und das ist nur der Schlusspunkt eines Leidensweges, in denen die Schüler so viele Misserfolge erlebt haben, dass der Spaß am Lernen verloren geht.

Was ist wichtiger für das Kind: Mit den Freunden an dieselbe Schule zu gehen, oder in diejenige Einrichtung zu wechseln, die fachlich am besten passt?

Kemper Es ist völlig normal, dass die Kinder gern mit ihren Grundchulfreunden zusammen bleiben möchten. Interessanterweise ist es jedoch so, dass diese Freundschaften oftmals nicht weiter bestehen. Die Kinder orientieren sich neu, gehen neue Bindungen ein. Die weiterführende Schule ist ein Neustart, das sollten Eltern ihren Kindern vermitteln.

Wer soll über die richtige Schule entscheiden – die Eltern oder das Kind?

Kemper Man sollte die Kinder durchaus mit einbeziehen, also darüber sprechen und Schulen gemeinsam ansehen. Aber: Eltern dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Die Erwachsenen haben das letzte Wort, sie müssen entscheiden, was für das Kind das Beste ist.

Sie beraten nicht nur zum Thema Schulwechsel – was sind die weiteren Beratungsfelder?

kemper Der Wechsel an die weiterführende Schule ist in der Tat ein großes Feld. Außerdem beraten wir Eltern, Schüler und Lehrer unter anderem auch bei Lern- und Leistungsschwierigkeiten, zum Beispiel Lese- und Rechtschreibschwächen.

Sie bieten auch individuelle Hilfe an. In welchen Fällen sollten Eltern einen Psychologen zu Rate ziehen?

Kemper Warnsignale sind starke Veränderungen des Kindes. Ein Schüler, der sehr lebhaft war, ist plötzlich still, ein liebes Kind plötzlich bockig. Eltern können da aber auch selbst eingreifen: Nämlich indem sie mit dem Kind vertrauensvoll sprechen, um gemeinsam nach Lösungen für das Problem zu suchen.

Hanna Koch führte das Gespräch

(NGZ)