NGZ-Kulturtreff Neuss diskutiert über den Stoff, der Identität schafft

NGZ-Kulturtreff im Theater am Schlachthof Neuss : Kultur muss politische Impulse setzen

Ohne Emotionen geht’s nicht: Der städtische Diskurs ist unverzichtbar. Das sind Erkenntnisse des NGZ-Kulturtreffs im Theater am Schlachthof – und Alexander May, der designierte Vize-Intendant am RLT, will von Jürgen Klopp lernen.

Zwei Zahlen, die Widerspruch suggerieren. Bei 100 Prozent Einigkeit im Urteil, dass Kultur Identität schafft, fließen lediglich drei Prozent des städtischen Haushaltes in den Kulturbereich. Doch über fehlendes Geld wurde gar nicht gejammert. Im Gegenteil. „Wir stehen finanziell ganz gut da“, sagte Hausherr Markus Andrae vom Theater am Schlachthof (TaS), ehe er zu einem Plädoyer für die Künstler anhob: „Die werden knapp über dem Mindestlohn und somit unterbezahlt.“ Das sei beschämend. Kein Widerspruch. Aber das Geld spielte dennoch an diesem Abend auf der TaS-Bühne nur eine Nebenrolle. Die Hauptrolle übernahm die Kultur als der Stoff, der die Menschen in einer globalen Welt zusammenhält, die (Lebens-)Sinn stiftet und sich den Mechanismen von Konsum und Kommerz entzieht.

Meinungsstark: Stephan Thönneßen (l.) und Cornel Hüsch. Foto: Ludger Baten

Uta Husmeier-Schirlitz, Chefin im Clemens-Sels-Museum, formulierte es so: „Wir müssen Raum für Begegnungen und Erlebnisse schaffen.“ Dass das kein Zustand, sondern ein immer währender Prozess ist, steht für die Kulturdezernentin die Beigeordnete Christiane Zangs, außer Frage: „Kultur muss sich so verändern wie die Gesellschaft selbst.“ Andrae war vor mehr als 20 Jahren aus der Anti-Atomkraft-Bewegung zur freien Theaterszene gekommen. Heute sagt er: „Es geht nicht in erster Linie darum, dass wir die jungen Leute erreichen. Wichtiger ist, dass wir sie dazu bewegen,  selbst Theater zu machen.“

Kulturschaffend: Harald Müller (l.) und Michael Ziege. Foto: Ludger Baten

Der NGZ-Kulturtreff machte jetzt im Theater am Schlachthof Station. „Kultur schafft Identität“ hatte Gastgeberin Helga Bittner postulierend über das Thema – und damit auf das richtige Pferd gesetzt. Mehr als 20 Gäste diskutierten leidenschaftlich 120 Minuten lang unter der Moderation der NGZ-Kulturredakteurin, so dass am Ende Christiane Zangs bekannte: „Der heutige Abend zeigt, dass wir wieder mehr städtischen Diskurs über Kunst und Kultur benötigen.“ In dieser Hinsicht machte Alexander May als designierter Vize-Intendant am Rheinischen Landestheater (RLT) der Beigeordneten Hoffnung: „Wir Kunstschaffende müssen und wollen politische Impulse setzen. Auf der Bühne. In Ausstellungen. In der Musik.“ Das könnten aber nur selbstbewusste Künstler leisten.

Zuvor hatte sich die Diskussion geöffnet. Ja, Kultur schafft Identität. Aber schafft nicht gerade gesellschaftliche Identität auch Kultur? Aus dem Publikum war da Stephan Thönneßen schnell zur Stelle: Bei den Demos „Fridays for Future“ habe er überraschende Choreographien, gut gestaltete Plakate und kluge Sprüche gesehen: „Da steckt Potenzial.“

In der kulturellen Vielfalt finde ein jeder sein Zuhause. Für diese Überzeugung trat Cornel Hüsch als Vorsitzender des Theatervereins ein: „Darum schafft Kultur nicht Identität, sondern Identitäten.“ 100.000 Theaterbesucher insgesamt in Neuss seien ein Wort, aber die Steigerung der Zuschauerzahlen sei nicht das Maß der Dinge. Es gehe vielmehr um unterschiedliche Angebote, die auch Kabarett, Konzerte und das TaS umfassen. Markus Andrae rief er zu: „Seien Sie stolz auf das TaS, das zur Identität des Barbaraviertels gehört. Werden Sie hier zum Markenkern. Machen Sie Menschen groß!“ Ein Aufruf, der auch Christiane Zangs offenbar gefiel: „Ich würde mich freuen, wenn wir zum Schluss sagen: Mein Museum. Mein Theater. Mein TaS.“ Dafür bedürfe es Emotionen, befand May. Kulturschaffende dürften von Jürgen Klopp lernen.

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