Diskussionsrunde in Neuss Im Kampf gegen Antisemitismus

Neuss · Beim Neusser Stadtgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde ein Blick auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland geworfen. Auch auf die aktuelle politische Lage gingen die Teilnehmer ein.

 Hermann Gröhe, Bert Römgens, Hannah Dannel, Simone Gerhards und Tim Neumann (v.r.), der die Veranstaltung moderierte.

Hermann Gröhe, Bert Römgens, Hannah Dannel, Simone Gerhards und Tim Neumann (v.r.), der die Veranstaltung moderierte.

Foto: Simone Gerhards

Ungeplant aktuell ist das digitale Neusser Stadtgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgefallen. „Jüdisches Leben in Deutschland“ lautete das Thema. Anlass war das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Durch den Nah-Ost-Konflikt und seinen Folgen – brennende Israel-Flaggen vor deutschen Synagogen, Demonstrationen in denen sich Judenhass Bahn bricht – bekam die Frage, wie es um dieses Leben bestellt ist, jedoch schon vorab eine negative Antwort: Der Antisemitismus nimmt wieder zu. Auch in Neuss, wie Hermann Gröhe, Schirmherr der Veranstaltung und stellvertretender CDU-Bundesfraktionsvorsitzender, sagte. Umso wichtiger sei es, zu zeigen, dass Juden schon seit 1700 Jahren Teil dieser Gesellschaft sind. Und: Dass dieser Teil – genauso wie alle anderen Teile der deutschen Gesellschaft – keinerlei Verantwortung für das Vorgehen der israelischen Regierung trägt.

Auch was Kritik an Israel anbelangt, bezogen Gröhe und Felix Klein, Bundesbeauftragter für jüdisches Leben in Deutschland, klar Stellung: Sie sei zulässig und unproblematisch. „Solange man in der Aussage Israel streichen und durch irgendein anderes Land – zum Beispiel Italien – ersetzen kann und die Aussage dann immer noch stimmig ist“, nennt Klein seine „Faustformel“. Gröhe fügt hinzu: „Wenn ich mich über die israelische Regierung ärgere, dann ziehe ich vor das israelische Konsulat“, sagt er. Wenn man aber einen Davidstern vor einer Synagoge verbrenne, dann sei das keine Kritik an Israel, sondern Antisemitismus. Der zieht sich durch die gesamte deutsche Geschichte. In Neuss beginnt sogar die erste Erwähnung von Juden damit: „Aufzeichnungen zufolge wurden im Juni 1067 Juden, die aus Köln nach Neuss geflohen waren, umgebracht“, berichtet Bert Römgens von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf/Neuss. Im 15. Jahrhundert habe es dann ein jüdisches Viertel rund um den Glockhammer gegeben. 1463 jedoch wurden die Juden aus der Stadt vertrieben. Im 18. Jahrhundert, als Religionsfreiheit herrschte, kehrten sie zurück. Doch 1942 sei Neuss quasi wieder „judenrein“ gewesen“, so Römgens.

Heute sind rund 550 Neusser jüdisch. Was aber hat Juden nach dem Holocaust bewegt, nach Deutschland zurückzukehren? Diese Frage einer Zuschauerin beantwortete Hannah Dannel vom Zentralrat der Juden: „Es sind vielfältige Gründe: Das waren Juden, die den Holocaust in einem Versteck überlebt hatten, oder die durch ihren nichtjüdischen Ehepartner gerettet wurden.“ Dazu kamen rund 200.000 Juden, die unter den Vertriebenen waren.

 Davidstern an der Neusser Synagoge.

Davidstern an der Neusser Synagoge.

Foto: Bert Römgens/Bert Gömgens

Insgesamt blieb die jüdische Gemeinde in Deutschland recht klein. Doch 1990, mit dem Ende der Sowjetuniton, kamen rund 220.000 Juden. „Und sie haben die jüdischen Gemeinden nicht nur zahlenmäßig bereichert“, so Dannel. Denn: Sie waren nicht in Deutschland „hängengeblieben“, sondern hatten sich bewusst entschieden, hier zu leben. „Aufgabe des Zentralrats ist es jetzt, jüdisches Leben sichtbar zu machen und Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen“, so Dannel. Ein Ziel, dem man in Neuss mit der neuen Synagoge näher kommen will. Das sei aus zwei Gründen wichtig. Zum einen: „Man schätzt und schützt nur das, was man kennt“, so Römgens. Zum anderen sei der Wunsch vieler Juden, selbstverständlich dazuzugehören und nicht immer mit dem Holocaust in Verbindung gebracht zu werden. Das gestalte sich noch aber schwierig, weiß Dannel aus persönlicher Erfahrung: Ihr Vorschlag, die Schule ihrer Kinder zu besuchen und über Juden und ihre Feste und Bräuche zu berichten, wurde abgelehnt. „Das Judentum komme erst in Klasse fünf dran, da würde Anne Frank gelesen“, lautete die Begründung.

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