Neusser SPD will an Ferdinand Lassalle erinnern

Sozialdemokratische Initiative: Neuss, Lassalle und die Revolution von 1848

Vor 170 Jahren war Neuss der Schauplatz einer Großkundgebung mit 10.000 Teilnehmern. Hauptredner war Ferdinand Lassalle. Die SPD will den Neusser Beitrag beim Start der Arbeitnehmerbewegung ins Bewusstsein der Stadt tragen.

Von Neuss ging ein sozialpolitisches Signal aus, das letztlich Wegbereiter der SPD-Gründung war. Ferdinand Lassalle, der als einer der „Urväter“ der Sozialdemokratie gilt, agierte damals regelmäßig in Neuss. Seinen größten Auftritt hatte er am 10. September im Revolutionsjahr 1848. Er sprach bei der ersten Massenkundgebung im Rheinland; bis zu 10.000 Menschen sollen auf den Rheinwiesen vor dem Hessentor zusammengekommen sein, um ihrem Unmut über ihre verzweifelte Lage Luft zu machen. Sie umjubelten den 23 Jahre alten Lassalle. Seine „Neusser Rede“ brachte ihn vor Gericht und in die Geschichtsbücher.

Die Ereignisse von 1848 führten dazu, dass Friedrich Engels den Neussern einen „revolutionären Instinkt“ bescheinigte. Doch im Geschichtsbuch der Stadt ist der Lassalle-Auftritt allenfalls eine Fußnote. Das möchten die Sozialdemokraten nun ändern. Sie regen an, den Etappenort Neuss auf dem Weg zu einer sozialdemokratischen Partei bewusst zu machen. „Ich habe kein Konzept“, sagt Michael Hohlmann. Der stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins Stadtmitte schlägt vielmehr vor, dass eine kleine überparteiliche Expertengruppe eingesetzt wird, die nachdenken könnte: „Eine Straße nach Ferdinand Lassalle zu benennen, fände ich zu banal.“

Hohlmanns Anregung hält Jens Metzdorf für „bedenkenswert“. Der Stadtarchivleiter rät aber, sich dem vielschichtigen Thema, behutsam zu nähern. So habe Lassalle unbestreitbar große Verdienste um die Arbeiterbewegung, er sei aber auch sehr national eingestellt gewesen und habe – „auch in Neuss“ – zum Widerstand mit Gewalt gegen Preußen aufgerufen. Metztdorf empfiehlt eine Betrachtungsweise, die auf die lokalen Ereignisse im Revolutionsjahr 1848 abziele und vor allem auch den Baumwollfabrikanten Joseph Herzfeld einschließe, der als Vorsitzender des Demokratischen Clubs die Veranstaltung auf den Rheinwiesen organisiert hatte.

Diese Gedenktafel im Park von Schloss Kalkum erinnert an Lassalle. Foto: Ludger Baten
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Herzfeld sei besonnener als Lassalle, aber ebenso wirkungsvoll gewesen. Metzdorf sieht es als richtig an, „wenn gerade in unserer Zeit“ auch an die demokratischen und sozialen Impulse erinnert würde, die von Neuss ausgingen. Das soziale Netz, mit dem in der Folge die Konservativen in den Machtzentralen auf die Forderungen der Sozialdemokratie reagierten, trägt in Teilen bis in die Gegenwart.

Obwohl Lassalle, der an den Folgen eines Duells 1864 starb, in seiner Heimatstadt Breslau begraben wurde, steht in Düsseldorf sein Mausoleum: ein Teehäuschen im Park von Schloss Kalkum. Dort machten sich jetzt Neusser Sozialdemokraten auf Spurensuche. Von Reinhold Mohr, Vize-Chef im Kreisheimatbund, erfuhren sie viel aus dem romanhaften Leben der Hausherrin, Sophie Gräfin von Hatzfeld, und ihrem Lebensbegleiter Ferdinand Lassalle. Das Mausoleum beherbergt einen leeren Sarkophag, eine sehenswerte Büste, die Lassalle zeigt, und einige Gedenksteine mit Inschriften.

Dieses Teehäuschen im Kalkumer Schlosspark dient als Mausoleum. Foto: Ludger Baten

Für Mohr ist Lassalle eine „bedeutende Persönlichkeit“, deren Lebensweg aber gemischte Gefühle auslöse: „Der hat schon ganz schön Rabbatz gemacht.“ Aber die Idee, ihn und die mit ihm verbundenen Ereignisse in Neuss zu würdigen, würde er unterstützen. So sieht es auch Hartmut Rohmer. Dem kulturpolitischen Sprecher der SPD-Ratsfraktion würde ein interfraktioneller Vorschlag gefallen: „Eine nachhaltige Erinnerung im Stadtbild wäre angebracht.“ „Nicht spontan begeistert“, reagiert Joachim Goerdt. Der Kultur-Sprecher der CDU ist aber „gesprächsbereit“: „Da mache ich mit.“

(lue-)
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