Neuss: Neusser "Skandal" beförderte Karriere

Neuss: Neusser "Skandal" beförderte Karriere

Der Eklat nach einem Auftritt von Martin Maier-Bode 1994 katapultierte den Kabarettisten in die überregionale Szene, aber beendete seine Arbeit an der Alten Post. Seit 30 Jahren steht er auf der Bühne – auch wieder in der Alten Post.

Der Eklat nach einem Auftritt von Martin Maier-Bode 1994 katapultierte den Kabarettisten in die überregionale Szene, aber beendete seine Arbeit an der Alten Post. Seit 30 Jahren steht er auf der Bühne — auch wieder in der Alten Post.

Am Anfang steht Shakespeare; Kurt Tucholsky und Bertolt Brecht kamen später dazu; dazwischen war aber auch noch Kurt Schwitters ... wer mit Martin Maier-Bode gedanklich zu seinen Anfängen als Schauspieler, Autor und Kabarettist geht, muss viele Abzweige einplanen. Seit 30 Jahren steht er jetzt auf der Bühne, da kommt einiges an Erinnerungen zusammen. Dass er auch mal der Elfenkönig Oberon im "Sommernachtstraum" war, hat er fast schon vergessen. "Stimmt!" sagt er lachend nach kurzem Kramen im Gedächtnis und weiß dann auch genau, wo das war: in der Schauspiel-Kindergruppe der Schauspielerin und Waldorf-Pädagogin Milli Köngeter. "Meine Mutter hatte mich dort angemeldet, als ich zehn Jahre alt war", erzählt er weiter — und damit hatte sie ihm den so wichtigen Erstkontakt zur Bühne verschafft.

Zwischen den Rollen als Oberon und der des heutigen künstlerischen Leiters des renommierten Berliner Kabarettensembles "Distel" liegen vielleicht Welten, aber nie hat Maier-Bode daran gezweifelt, dass er für die und auf der Bühne arbeiten will. Mit Freunden hat er in den 1980er Jahren schon als Kabarettist Programme zusammengestellt und schnell gemerkt, dass er nicht nur fremde Texte sprechen, sondern sich auch selbst ausdrücken wollte.

Der Freund und Pianist Martin Schorn war dabei einer von Maier-Bodes wichtigsten Wegbegleitern, gehörte auch zum Ensemble "Exekution 27b", das nach ersten Erfolgen im Haus der Jugend auch durch die Lande reiste. "Aber wir waren schon mehr in der Anarcho-Szene unterwegs", sagt der Künstler heute mit einem Grinsen, "und haben natürlich gedacht, uns steht eine Weltkarriere offen."

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Das konservative Neuss bot damals den Boden für eine Szene, in der sich etwa Thomas Hofer (später Herrencreme), Serdar Somuncu (heute "Hassprediger") oder Jürgen Eick (heute Intendant Theater Arnsberg) zusammentaten und mit ihren Auftritten aneckten. "Wir waren politisch und wollten das auch sein", sagt Maier-Bode bestimmt und erinnert sich noch gut an den ersten Eklat nach einem Stück, das er mit anderen auf der RLT-Probebühne an der Wolberostraße zeigte und sich um Arbeitslosigkeit drehte. Über die Themenwahl habe sich damals die CDU sehr aufgeregt — "und wir fühlten uns richtig bestätigt", sagt er lachend.

Damals war schon RLT-Intendantin Egmont Elschner auf Maier-Bode und seine Truppen aufmerksam geworden, förderte nach seinen Möglichkeiten und verhalf dem jungen Künstler letztlich zu dem Job, der ihn nach oben katapultierte — wenn auch ungeplant. 1990 holte der Leiter der Alten Post, Thomas Brandt, auf Vorschlag von Elschner Martin Maier-Bode als Dozent für Kabarett an sein Haus. Fast jedes zweites Semester verließ ein neues Ensemble seinen Kursus ("Opossum", "Kabarett ohne Ulf"), ein junges Frauenteam namens KGB gewann sogar den Prix Pantheon: "Eine Superbilanz", sagt Maier-Bode, und ist dann aber ganz schnell bei dem "Skandal" 1994, der ihn letzten Endes zu den großen Kabarettbühnen brachte. Über seinen Auftritt — und noch heute in Maier-Bodes Augen missverstandenen Textpassagen — zur Eröffnung des Theaters am Schlachthof hatten sich christdemokratische Politiker echauffiert. "Wir waren frech", gibt er aus heutiger Sicht zwar zu, aber ergänzt auch: "Doch ehrlich gesagt — pubertär-frech." Damals aber wurde eine regelrechte Lawine losgetreten, eine geplante Premiere wurde gestrichen ebenso wie Maier-Bodes Stelle an der Alten Post: "Vorgeblich aus Spargründen", sagt er.

Letzten Endes war dieser "Skandal" für ihn jedoch ein "Riesenglück", sagt er heute. Plötzlich gab es Kontakt zu großen Kollegen wie Volker Pispers oder Volker Degenhardt und vor allem: "Das Kom(mödchen fragte bei mir an." Eigentlich, so sagt er nachdenklich, hatte bis dahin nie zur Debatte gestanden, den Neusser Kabarett-Boden zu verlassen. So aber musste er, eroberte andere Kabarettbühnen als Schauspieler und Autor und leitet heute gar die renommierte "Distel" in Berlin.

(NGZ/ac)
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