Neusser Schützenoberst Walter Pesch im Interview

Interview mit Schützenoberst Walter Pesch : „Wir brauchen keine Scampi-Bude“

Der Schützenoberst über den Umgang mit der Hitze, über Disziplin und über das Verhältnis zum Rathaus.

Herr Pesch, Marschieren bei Temperaturen von 30 Grad und mehr ist im schwarzen Anzug und mit Krawatte am Oberstehrenabend kein Vergnügen. Was sagen Sie den Schützen am Samstagabend dazu?

Walter Pesch Wichtig ist, ausreichend Wasser zu trinken und sich seine Kräfte einzuteilen. Ich empfehle allen, auf ihre Gesundheit zu achten. Keiner sollte Risiko gehen.

Marscherleichterung werden Sie also nicht befehlen?

Pesch Nein, das Regiment tritt wie gewohnt in kompletter Anzug-Garderobe an. Wir wollen ein adrettes Bild abgegeben. Aber ich sage es noch einmal: Wer sich nicht fit fühlt oder wem der Weg zu anstrengend wird, der sollte sich zurücknehmen. Wir sind niemandem böse. Gesundheit geht vor.

Selbst Bedienstete des städtischen Sportamtes im Außendienst erhalten hitzefrei, da könnten Sie bei 30 oder gar 35 Grad doch erlauben, dass Musiker in Blousons aufziehen oder die Grenadiere bei der Parade auf die Schattenseite des Marktes wechseln. Warum geht das nicht?

Pesch Falsch. Die Musiker dürfen bei allen Umzügen in Blousons marschieren, mit einer Ausnahme: die Königsparade. Aber der Weg über den Markt ist kurz und die Zeit auf dem Markt ebenso. Bei starker Sonneneinwirkung gehen die Grenadiere doch in den Schatten. Das ist auch okay. Aber wenn das Programm läuft – Fahnen, Regimentsspitze, König und Komitee oder die Hönnesse aufziehen – , dann erwarte ich, dass jeder Grenadier wieder auf seinem Platz steht. Auch in der Sonne.

Der Oberst Walter Pesch setzt also auf Disziplin und Ordnung?

Pesch Quatsch. Aber wir sind kein Wanderverein. Zu uns gehört das Marschieren in der Reihe, die richtige Gewehrhaltung, die korrekten Abstände zum Vorderzug. Wir wollen das bestmögliche Bild abgeben und doch im Spannungsbogen bleiben, zu dem auch der rheinische Frohsinn gehört.

Was geht gar nicht während der Umzüge?

Pesch Rauchen, wildpinkeln, mit dem Handy telefonieren oder fotografieren, Alkohol trinken während des Marschierens, austreten aus dem Zug.

Was ist Ihr Ziel dabei?

Pesch Wir wissen alle, dass wir in Neuss das größte und schönste Regiment haben. Es wäre aber gut, wenn alle Schützen das durch eine besondere Akkuratesse demonstrieren und auch die Zuschauer überzeugen, die das noch nicht glauben wollen. Wir tun das alles nicht für den WDR, sondern bei der Parade zur Freude und Ehre des Königs und bei den Umzügen zur Freude und Ehre der Zuschauer, die in die Stadt kommen, um uns zu sehen.

An Baustellen fehlt es nicht in der Stadt. Sie mussten einige Zugwege deshalb verändern. Ärgert Sie das?

Pesch Überhaupt nicht. Die Stadt war ja bereit, die Straßen so herzurichten, dass wir unsere gewohnten Zugwege hätten nehmen können. Aber wir wollen keine Kosten erzeugen. Wir haben gute Zugwege gefunden. Dabei will ich nicht ausschließen, wenn Baustellen wichtige Wegabschnitte betreffen, dass wir künftig einmal bitten müssen, die Straße provisorisch für das Schützenfest gangbar zu machen. Es ist ja abzusehen, dass wir noch mehr Baustellen bekommen werden. Die Mühlenstraße wird eineinhalb bis zwei Jahre dicht sein. Mal sehen, ob wir dafür Alternativen finden.

Das klingt so, als sei der Regimentschef mit der Stadtverwaltung zufrieden?

Pesch Sehr sogar. Das Verhältnis zum Bürgermeister und der Verwaltung ist entspannt und konstruktiv. Dafür können wir nur dankbar sein. Klar gibt es immer einmal einen Punkt, bei dem wir um die richtige Lösung ringen müssen, aber das ist normal. Aber diese Punkte gelangen dann in die Öffentlichkeit und werden diskutiert.

Und vor lauter Begeisterung über das gute Miteinander hat das Komitee entschieden, bei der Bürgerversammlung ohne Mitglieder des Hauptausschusses auskommen zu können und auch künftig die Stadtmütter, die in den Hauptausschuss gewählt wurden, nicht einzuladen. Wie kommentiert eigentlich Ihre Frau solche zukunftsweisenden Beschlüsse?

Pesch Sie sagt da überhaupt nichts zu. Ehrlich. Da ist meine Frau völlig tiefenentspannt. Sie steht auf dem Standpunkt, dass ohne Frauen im Schützenwesen ohnehin nichts geht und dass ohne Frauen kein Schützenfest gelingen kann.

Sie sind seit zwei Jahren Oberst und besuchen viele Züge. Welche Themen trägt die Basis an Sie heran?

Pesch Thema Nummer eins ist der Dienstagabend-Umzug. Dessen Ausgestaltung wird diskutiert, seit das Schützenfest nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wurde. Kritikpunkte sind: Der Zugweg ist zu lang, es gibt zu viel Klamauk, es wird zu viel kredenzt. Andere sagen der Zugweg ist zu kurz, es wird zu wenig kredenzt. Komitee sowie die Spitzen von Regiment und Korps suchen nach Verbesserungen, aber ich weiß: Dieses Thema habe ich ungelöst von meinen Vorgängern übernommen und ich werde es vermutlich auch ungelöst an meinen Nachfolger übergeben – wann immer das sein wird.

Das liebe Geld ist kein Thema? Schützenfest muss doch für alle bezahlbar bleiben?

Pesch Ich weiß, dass es Züge gibt, die auf jeden Euro und Cent achten müssen. Das nehmen wir wirklich ernst. Die Beiträge finanzieren aber lediglich einen Teil des Millionen-Etats im Neusser Bürger-Schützen-Verein. Den größten Teil der Einnahmen generieren wir auf anderen Wegen. Das ist wichtig. Grundsätzliche Kritik an der Finanzpolitik des Vereins habe ich noch nicht gehört.

Wie sehen Sie die Rolle und das Image des Komitees?

Pesch Wir müssen glaubhaft vermitteln, dass auch wir Schützen sind. Wir sind nicht abgehoben, sondern wir erfüllen mit Demut auf Zeit eine Aufgabe. Wenn die Schützen feiern können, ohne unsere Regie zu bemerken, dann haben wir gut gearbeitet. Ich möchte weiterhin so viel wie möglich bei meinen Schützen sein. Leider lässt das Protokoll das nicht immer zu.

Was gefällt Ihnen als langjähriger Schütze und aktueller Oberst am Neusser Schützenfest?

Pesch Ich finde es liebenswürdig, dass wir es mit dem Charme des Unzulänglichen feiern. Nehmen wir die Festwiese: Da ist fast nichts geordnet und doch weiß ein jeder, wann er wen wo findet. Ist das nicht herrlich anarchisch? Wir brauchen keine Scampi-Bude, keine Schampus-Lounge und keine VIP-Bereiche. Wir Neusser sind das Schützenfest und zur Wiese gehören Backfisch, Bratwurst, Pommes und vor allem Altbier – wer Pilstrinker ist, der trinkt Pils, gern frisches Schützenbräu.

Was wünschen Sie sich als Regimentschef und Komiteemitglied von den Schützen?

Pesch Eine höhere Identifikation mit dem Bürger-Schützen-Verein. Jeder Schütze definiert sich über seinen Zug. Einmal Wendsläpper, immer Wendsläpper. Gut so. Auch mit dem Korps teilen die Schützen die Werte, die Liebe zur Uniform, das Jahresprogramm. Ich finde, es fehlt etwas die Wertschätzung für den Dachverein. Ich wünsche mir, dass alle Schützen auch stolz auf unseren Neusser Bürger-Schützen-Verein sind. Daran will ich gern mitwirken.

(lue-)