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Neuss: Neusser Männer ohne Namen

Neuss : Neusser Männer ohne Namen

Nach den "Neusser Frauen" hat die Fotografin Sabine Köberling nun auch "Neusser Männer" porträtiert. Die namenlosen, aber eindrucksvollen Aufnahmen sind im Stadtarchiv ausgestellt.

Oft weiß Sabine Köberling selbst nicht genau, warum sie gerade dieses oder jenes Gesicht für ein Porträt ausgesucht hat. Wenn sie anfängt, hat sie kein Raster und keine Kriterien im Kopf. "Die Chemie muss stimmen", sagt die Fotografin und klingt dabei fast ein wenig hilflos, "oder ich muss nach einem längeren Gespräch das Gefühl haben, dass da was ist." Und im Umkehrschluss bedeutet das: "Ich kann ein Gesicht nicht fotografieren, wenn ich darin nicht sehe, was ich sehen muss."

Nun, für die Ausstellung "Neusser Männer" hat sie genug gefunden. Auch dank eines NGZ-Artikels, in dem vor Monaten von ihrem Projekt berichtet wurde, das der Ausstellung "Neusser Frauen" im Rathaus folgen sollte. Allein: Es fehlten ihr die Männer. Die meldeten sich nach dem Erscheinen des Artikels dann in größerer Zahl. Und darunter war auch einer, der Sabine Köberling den "idealen Ausstellungsraum", wie sie sagt, anbot: Stadtarchiv-Leiter Jens Metzdorf.

Dass er nun eines der 18 Gesichter ist, die an den Wänden hängen, ist dabei nur ein Nebenprodukt. Metzdorf hat der Fotografin das Angebot deswegen gemacht, weil sie mit ihrer Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk auch den Blick auf das große, mehrere 10 000 exemplare umfassende Fotoarchiv seiner Einrichtung lenkt. Fotos sind Gebrauchsgegenstände, Fotos sind Kunstwerke, sagt er. Und beide Pole sind mit der Köberling-Ausstellung und der Ergänzung durch dokumentarische Aufnahmen aus dem Archiv-Bestand zumindest auf Zeit nebeneinander zu sehen.

Was ihn und Archiv-Restaurator Marcus Janssen besonders fasziniert: Köberling arbeitet noch auf althergebrachte Weise. Analog, mit einer ganz alten doppeläugigen Mamiya C3, mit einem großen, ebenfalls sehr alten Entwickler, klassischem Fotopapier und Chemikalien, die sie sich teilweise selbst noch mischt. "Das gibt es heute kaum mehr", schwärmt Janssen und weiß genau: "Ihre Fotos überdauern, und man kann sie sich auch in 100 Jahren noch anschauen."

Hintergrund, Bedeutung, Name, Beruf — das alles spielt in Köberlings Arbeit keine Rolle. Sie hält Haltung und Ausdruck in ihren Porträts fest, das individuelle Erkennen-können tritt dahinter zurück. Oft genug nimmt sie die Gesichter auch nur im Profil auf, von dem dann ein großer Teil noch im Schatten liegt, und gibt dem Gesicht dennoch eine so starke Ausstrahlung, das es ins Gedächtnis des Betrachters einwächst. Man will nicht mal wissen, wer dieser Mensch ist. Sondern sieht nur, dass er ein Mensch ist, eine Persönlichkeit, die viel gesehen und erlebt und manches Mal sicher auch erlitten hat.

(NGZ)