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Neuss: Neusser hoffen auf friedliche Ukraine-Wahl

Neuss : Neusser hoffen auf friedliche Ukraine-Wahl

Wenn es um die deutschen Medienberichte zur Krise in der Ukraine geht, sind sich Pfarrer Paul Echinger und Harald Beschoten in ihrer kritischen Haltung einig. "Ich bin zutiefst enttäuscht", sagt der eine. "Das ist nicht neutral", meint der andere. Doch während Pfarrer Echinger die "sogenannten Putinversteher" auf die Nerven gehen, wünscht sich Beschoten mehr Verständnis dafür, "dass auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden".

Beide wohnen sie in Neuss, und sind doch emotional zutiefst involviert in diesen russisch-ukrainischen Konflikt. Protoprespyter Paul Echinger, der als Dekan der ukrainisch-orthodoxen Kirche in Deutschland keine politischen Predigten halten möchte, seinen "christlichen Zorn" über Wladimir Putins Politik jedoch nicht verbirgt. Harald Beschoten, Vorsitzender des Vereins "Druschba-Freundschaft/Neuss-Pskow", der momentan wieder in der Neusser Partnerstadt weilt und mit den Menschen dort auf ein Ende der Spannungen zwischen Russland und der EU hofft.

Pfarrer Echinger schaut mit gemischten Gefühlen auf die morgige Präsidentenwahl. Seine Gemeinde sei gespalten: "Es gibt zugleich Hoffnung und Entsetzen." Zum einen geh es um Kandidaten: Julia Timoschenko habe die Menschen schonmal enttäuscht. Petro Poroschenko sei dagegen vielleicht der sauberste Kandidat. Zum anderen sei da Kreml-Chef Putin, von dem er gar nicht viel hält. Echinger ist überzeugt: "Der russische Präsident wird alles tun, um die Wahlen zu stören." Schließlich seien die prorussischen Separatisten in der Ostukraine von Moskau gesteuert. "Woher sollen die sonst das Geld für ihre teuren Waffen haben?", fragt er. Echinger will differenzieren, zwischen den Menschen in Russland und der Machtelite um Putin. Der russische Präsident sei schließlich nicht nur eine Gefahr für die Ukrainer, sondern auch für die Russen selbst. "Er verspricht Vieles, das Land aber verarmt."

Was das für das alltägliche Leben der Menschen in Russland bedeutet, weiß Harald Beschoten aus vielen persönlichen Begegnungen. Schon lange engagiert er sich für die Städtefreundschaft zwischen Neuss und Pskow, hat viele Freundschaften geschlossen. Der Ukraine-Konflikt, erzählt Beschoten, sei auch in Pskow spürbar, trotz der rund 700 Kilometer Entfernung zur russisch-ukrainischen Grenze.

Militärische Einrichtungen seien mittlerweile abgeschirmt, vom Übungsplatz höre man Gefechtsfeuer, berichtet Beschoten. Und er, der sich wünscht, dass das Verhalten des Westens in den Medien kritischer hinterfragt wird, müsse jetzt immer öfter die Politik der EU erklären. Immer wieder werde er gefragt: "Warum seid ihr so aggressiv gegenüber Russland?" Oder: "Ihr habt doch auch über das Saarland abgestimmt, warum dürfen die Menschen auf der Krim das nicht?"

"Putin hat Ängste geschürt", sagt Beschoten - vor den USA, den Europäern und Faschisten in der Ukraine. Die einhellige Meinung sei: Solange niemand mit den prorussischen Separatisten redet, wird keine Entscheidung aus Kiew anerkannt. "Die Propaganda hat gefruchtet, es ist erschreckend, wie unreflektiert viele reden", sagt Beschoten, der aber auch Familien kennt, die Europa sehr zugewandt sind. Er ist überzeugt: Auf die deutsch-russische Freundschaft hat die Krise in der Ukraine keine Auswirkungen.

(NGZ)