Neuss: Neusser entdecken den Islam in ihrer Stadt

Neuss: Neusser entdecken den Islam in ihrer Stadt

Muslime in Derikum führen Besucher durch ihre Moschee. NGZ-Leser diskutieren über den Glauben, Toleranz und Gesetz.

Die Moschee in Derikum hat Brigitte Fechner schon immer interessiert, doch bislang hat sie das Gotteshaus an der Schellbergstraße nur von außen gesehen. Gestern aber war es ihr wichtig, durch einen Besuch dort Flagge zu zeigen. Gegen Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit, für Offenheit und Toleranz. So wie ihr ging es vielen, die zur Mobilen Redaktion der NGZ gekommen waren, um aus erster Hand etwas über den Islam zu erfahren.

Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) hatte am Morgen im Landtag die Islamverbände und Moscheegemeinden aufgefordert, sich stärker zu öffnen und die Bevölkerung über den Islam als Religion zu informieren. Ein großer Teil der Bürger, die sich durch den Islam bedroht fühlen, "haben vermutlich noch nie mit einem Muslim über seinen Glauben gesprochen", sagte Schneider.

Gudrun Kroll "Ich habe noch nie eine Moschee von innen gesehen." Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

In der Moschee in Derikum werden regelmäßig Besucher durch das Haus geführt. Gestern Abend öffnete die Gemeinde zum Abendgebet ihre Moschee und diskutierte im Anschluss an eine Führung mit ihren Besuchern, die zahlreich waren wie selten. "Eigentlich wünschen wir uns, das alle Moscheegemeinden so arbeiten wie wir", betonen Mustava Ünlü und Waltraud Beyen. Ünlü, Vorsteher der Gemeinde, war erst am Sonntag mit einer Delegation beim Neujahrsempfang der katholischen Schwestergemeinde St. Andreas in Norf.

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Trotz aller Bemühungen um Offenheit musste Ünlü erst in der vergangenen Woche die Polizei bitten, verstärkt im Bereich der Moschee Streife zu fahren - zum ersten Mal in 20 Jahren. Die Gemeindevorsteher betonten, wie wichtig ihnen eine klare Distanzierung von den Attentätern von Paris ist. Sie stört es, dass die Mörder als "Islamisten" bezeichnet werden. Als Moslem und Anhänger des Islam fühle er sich selbst angesprochen, sagte Oguen Yilmaz, der für die Täter von Paris und die Kämpfer des "Islamischen Staates" nur einen Ausdruck gelten lassen will: Terroristen. Zudem stifte der Begriff Verwirrung unter Kindern und Jugendlichen bei Muslimen und Nicht-Muslimen.

Wolfgang und Helga Dicke: "Der Terror hat wenig mit Glauben zu tun." Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Unter den Besuchern war Ralf-Peter Becker, ein pensionierter Religionslehrer, der mit seiner Hauptschulklasse mehrfach in der Moschee war. Was er seinen Schülern vermitteln wollte? "Toleranz", sagte Becker knapp. Er wurde am Abend mit rund 30 weiteren Gästen Zeuge des Gebetes. "Ich finde es eine gute Sitte", sagte Sylvia Hennebach-Werner. "Ich habe lange in Derikum gewohnt und war nie hier. Jetzt habe ich mir durch die akuten Ereignisse gedacht: Man muss sich vor Ort informieren." In der Diskussion mit der Gemeinde betonte die Neusserin auch: "Ich möchte nicht, dass Kirchenrecht oder islamisches Recht über das deutsche Grundrecht gestellt wird."

Neben der Neugier auf den Islam, der viele gestern zur Moschee geführt hatte, formulierten viele auch ihre Absage an jede Form von Radikalität. Die Schüsse von Paris, sagte Wolfgang Dicke, "haben wenig mit Glaube zu tun. Egal mit welchem. Da wird Glauben missbraucht."

(NGZ)
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