Neuss: Neusser ehren "Monsieur Europa"

Neuss : Neusser ehren "Monsieur Europa"

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wurde am Abend vor 160 Gästen im Neusser Swissôtel vom Verband "Wir Eigentümerunternehmer" als Ehrensenator aufgenommen - eine Feierstunde mit vielen ernsten Worten.

Europa hat derzeit nicht viel Gelegenheit für Feierstunden. Für nette Gesten und freundliche Worte. "Wir haben es mir einer Polykrise zu tun, es brennt an allen Ecken und Enden", ist ein Satz, der nicht oft fällt in einer Dankesrede. Und doch sagte ihn gestern Abend Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission, kurz nachdem er als Ehrensenator in den Europäischen Senat des Verbands "Wir Eigentümerunternehmer" aufgenommen wurde. Die Ehrung nahm der höchste Repräsentant der Europäischen Union im Neusser Swissôtel entgegen. Und er genoss diesen Abend durchaus. Er kam früher als angekündigt, und er verließ den Saal auch erst wesentlich später als erwartet, wieder in Richtung Brüssel. "Ich war mir des Risikos bewusst, über weite Strecken der Veranstaltung gelobt zu werden", sagte Juncker (60) in seiner unprätentiösen und humorvollen Art. "Ich bedaure, dass meine Eltern nicht da sind: Mein Vater wäre stolz gewesen und meine Mutter hätte das alles geglaubt."

Das alles - das waren Worte für einen "großen Europäer", "Monsieur Europa schlechthin" und einen "Europäer par excellence", wie sie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in seiner Laudatio und der frühere Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof in seinem Festvortrag für Juncker fanden. Nette Worte, tief empfundene Belobigungen - es gibt Dinge, die auch in einer Krise gesagt werden können. Einer Krise, in der "Freiheit ein Wagnis bleiben muss" (Kirchhof). In der Konzerne beanspruchten, Verteiler der Welt zu sein und die Idee der gerechten Besteuerung zerstörten (Kirchhof). In der die Gemeinschaftswährung laufend gerettet wird, der Kontinent in Schulden versinkt, in der ganze Mitgliedsstaaten am Tropf der anderen hängen, sich gleichzeitig aber immer mehr Menschen von Europa abwenden. "Die Menschen entfernen sich immer mehr von dem, was in Brüssel passiert, weil sie nicht verstehen, was wir tun", mahnte Juncker. "Wir nehmen ab an Gewicht und Einfluss, wir werden von überall auf der Welt überholt. Deshalb ist das nicht der Moment, die Einheit infrage zu stellen, sondern die Einheit zu betonen." Juncker rief zu "mehr Europa und weniger Nationalstaat" auf. Gerade auch in der Flüchtlingsfrage. "Es ist lächerlich: Jeden Tag sterben hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer und wir basteln in unseren Ecken noch immer an einer Lösung."

Landrat Hans-Jürgen Petrauschke begrüßte für den Rhein-Kreis Neuss. Foto: Berns, Lothar (lber)

Die Neusser bedachten Junckers nicht nur mit netten Worten wie Unternehmer Werner Küsters: "Du hast immer das richtige Handwerkszeug, im europäischen Maschinenraum die Probleme zu lösen." Sie trugen dem obersten Europäer auch Wünsche und Aufgaben zu. Landrat Hans-Jürgen Petrauschke ermunterte den Kommissionspräsidenten zu einer "Strategie, Braunkohle als Brückentechnologie zu stärken". "Wir brauchen die Sicherheit für die energieerzeugenden und energieintensiven Unternehmen im Rhein-Kreis Neuss", sagte Petrauschke. "Davon hängen viele tausend Arbeitsplätze ab, und zwar auch im Mittelstand."

Bundesverfassungsrichter a. D. Paul Kirchhof hielt den Festvortrag. Foto: Berns, Lothar (lber)

Kurz vor der Abreise überreichte Petrauschke Juncker noch ein Geschenk des Kreises - ein Jugendstilzinn-Duplikat aus dem Kreismuseum Zons. Am späten Abend entschwand Juncker. Weg von der Feierstunde. Zurück zur Krise.

(NGZ)