Wie eine Ukrainerin den Ausbruch des Kriegs erlebte Nichts wird mehr so sein, wie es war

Neuss · In der Millionenstadt Charkiw führte die 16-jährige Diana ein friedliches Teenager-Leben. Dann kam der Krieg. Für unsere Redaktion dreht sie die Zeit ein Jahr zurück – und erinnert an jenen Tag, der alles veränderte.

Diana (16) erlebte den Ausbruch des Kriegs hautnah mit.

Diana (16) erlebte den Ausbruch des Kriegs hautnah mit.

Foto: NGZ

24. Februar 2022. 5.30 Uhr. Ein früher Anruf am Morgen. Panik. Hektik. Es hat begonnen. Die Sonne hat noch keine Zeit gehabt, über den Horizont zu schauen, Dunkelheit ringsum. Nur der Bildschirm des Telefons, auf das ich schläfrig blicke, ist eine schwache Lichtquelle. Während ich die Worte meiner Mutter am anderen Ende der Leitung höre, stelle ich mir immer wieder die eine Frage: Krieg? Ja, es herrscht tatsächlich Krieg. Ich öffne die App „Telegram“ und lasse meinen Blick voller Panik von Nachricht zu Nachricht wandern.

Jeder weiß, dass ein Mensch, der von Angst getrieben ist, anfängt zu ignorieren, was um ihn herum geschieht. Ich bin da keine Ausnahme. Um in einer solch stressigen Situation nicht in Hysterie zu verfallen, beschließe ich, meine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten. Ladegeräte, Geld und Dokumente greifen, etwas essen. Dafür brauche ich nicht mal 15 Minuten. Jetzt ist es Zeit, die Wohnung zu verlassen. Ich mache das Licht aus, schließe die Fenster und blicke ein letztes Mal in meine Wohnung – mit einer Art Sehnsucht, als ob ich nie wieder zurückkommen würde. Und so geschah es auch, wie sich später herausstellen solle. In diesem (mittlerweile zerstörten) Haus würde ich nie wieder bis zum Morgen mit meiner besten Freundin reden, meine Mutter würde nie wieder in unserer gemütlichen Küche Pfannkuchen backen, ich würde nie wieder den ganzen Tag auf meinem Balkon sitzen, Bilder malen und Kaffee trinken. Nie wieder.

Zeit, die Tür zu öffnen. Ich stecke den Schlüssel in das Schlüsselloch. Erste Drehung. Nichts. Zweite Drehung. Immer noch nichts. Erst als meine Hand nach dem Türknauf greift, höre ich die erste Explosion. Erst dann werde ich aus meiner Art Trance geweckt, in der ich mich befand. Mir wird klar, dass wirklich Krieg herrscht. Nicht irgendwo auf einem anderen Kontinent, sondern hier in „meinem“ souveränen Staat. In meiner Heimatstadt. In meiner Straße. In meinem Haus.

Info Diese Kolumne wurde von Diana (16) aus Charkiw verfasst, die vor dem Krieg floh und bei einer Familie in Neuss lebt. Ihre Mutter ist weiterhin in der Ukraine, um als Tierschützerin zu arbeiten.

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