Polizeipräsident Alexander Dierselhuis aus Duisburg in Neuss Was gegen Clan-Kriminalität und Rocker hilft

Neuss · Am Cannabis-Gesetz der Bundesregierung lässt er kein gutes Haar und mit Blick auf Hotspots der Kriminalität in Großstädten warnt er vor falscher Rücksichtnahme: Polizeipräsident Alexander Dierselhuis war zu Gast beim Gnadentaler Unternehmertisch in seiner Heimat Neuss. Was er sich für mehr Sicherheit von Politik und Bürgern wünscht.

Polizeipräsident Alexander Dierselhuis (links) war zu Gast auf Gut Gnadental in Neuss, hier mit (v.r.) David Zülow, Jutta Zülow, Nadia Ehning und Moderator Uwe Schulz.

Polizeipräsident Alexander Dierselhuis (links) war zu Gast auf Gut Gnadental in Neuss, hier mit (v.r.) David Zülow, Jutta Zülow, Nadia Ehning und Moderator Uwe Schulz.

Foto: Andreas Woitschützke

Er steht für eine Blitzkarriere, die in Polizei und Justiz ihres Gleichen sucht: Alexander Dierselhuis (40) aus Neuss. Als Staatsanwalt in Düsseldorf machte er sich im Kampf gegen Organisierte Kriminalität, Clan-Kriminelle und kriminelle Rocker-Banden einen Namen, 2019 wurde er in Oberhausen jüngster Polizeipräsident in NRW aller Zeiten, 2022 wechselte er in gleicher Position nach Duisburg. Warum er dafür ausgewählt wurde, machte damals NRW-Innenminister Herbert Reul sehr deutlich: „Der sitzt nicht im Anzug in der Zentrale, der ist mittendrin, wenn die Razzia läuft.“

Messerattacke auf Polizist

Mehr über seinen besonderen Job, aber auch zu aktuellen Fragen der Inneren Sicherheit verriet der „Nüsser Jong“, so Moderator Uwe Schulz, jetzt beim Gnadentaler Unternehmertisch (GUT) in Neuss. Zwei Themen lagen Dierselhuis offensichtlich besonders am Herzen: Da ist zunächst der Tod des Polizisten Rouven Laur, der in Mannheim bei einem Messerangriff ums Leben gekommen ist. „Die Polizei ist gefühlt eine große Familie. Wenn jemand stirbt, dann ist es einer von uns.“ Neben der Trauer müssten die Kollegen aber auch mit Ängsten klarkommen. Nach Ereignissen wie in Mannheim gehe natürlich vielen durch den Kopf: „Der tote Polizist, das hätte auch ich sein können.“ Die Beamten müssten dennoch professionell mit diesen Situationen umgehen: „Am Ende ist das der Job: Polizisten stehen da draußen, damit Bürger so etwas hoffentlich nicht erleben müssen“, sagte Dierselhuis.

Erfahrungen aus Marxloh

Wer in Duisburg, zum Beispiel im Stadtteil Marxloh mit 80 Prozent Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund, arbeite, müsse zudem aufpassen, dass sich nicht Bilder im Kopf festsetzen. Natürlich, so der Polizeipräsident, seien nicht alle Menschen dort Straftäter. Viele seien gut integriert und für ihren Stadtteil sehr engagiert, einzeln oder auch in Vereinen. Den Polizisten in Duisburg sei das bewusst, auch wegen vielfältiger privater Kontakte und Begegnungen mit den entsprechenden Bevölkerungsgruppen.

Probleme nicht totschweigen

Ebenso wichtig sei es aber, Probleme, die nachweislich existierten, nicht totzuschweigen: Die Statistik zeige, so Dierselhuis, dass in Duisburg 40 Prozent der Straftaten von Ausländern begangen werden, bei einem Ausländeranteil stadtweit von 18 bis 20 Prozent. Dass eine solche Diskussion Rechtsextremen in Hände spielen könnte, glaubt der Polizeipräsident nicht: „Rechtes Gedankengut fängt nicht bei der Analyse des Problems an, sondern bei den Lösungen für die Probleme.“

Kritik an Cannabis-Gesetz

Auch eine Zuschauerfrage nach seiner Einschätzung zur Cannabisfreigabe beantwortete Dierselhuis besonders engagiert. Als Staatsbeamter äußere er sich eigentlich nicht zu politischen Themen, in diesem Fall mache er jedoch eine Ausnahme. Der Grund: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Politik ein so schlechtes Gesetz machen könnte.“ Das Gesetz motiviere dazu, mehr Cannabis zu konsumieren, der Schwarzmarkt werde nicht bekämpft, sondern gefördert und somit die Gesundheit der Bevölkerung nicht geschützt. Alle Experten hätten vor diesem „denkbar schlechtesten Gesetz“, so der Polizeipräsident, gewarnt. Anbau, Vertrieb und Qualität des Cannabis seien mit dem neuen Gesetz in der Realität kaum zu kontrollieren. Zugriff auf hohe Mengen der Droge – 50 starke Joints pro Monat über Cannabis-Klubs, so Dierselhuis – regten zu hohem Konsum an. „Gelegenheitskiffer“ hingegen könnten legal kein Cannabis erwerben und würden sich weiter auf dem Schwarzmarkt mit Stoff von zweifelhafter Qualität eindecken.

Auch wenn er grundsätzlich gegen eine Freigabe sei, so der Polizeipräsident, wären Modelle denkbar gewesen, über die man hätte reden können, zum Beispiel mit einem staatlich kontrollierten Vertrieb, festgelegten THC-Werten und einer Abgabe in Grenzen. Die Chance habe die Politik vertan.

Strategie gegen Clans und Rocker

Mit Blick auf die Clan- und Rockerkriminalität machte sich Dierselhuis stark für eine Strategie, zu der einerseits viele „Nadelstiche“, andererseits aber auch tiefer gehende Ermittlungen gehören. Letztere zielten darauf ab, Hintermänner und „dicke Fische“ zu überführen. „Nadelstiche“ seien Razzien in Shisha-Bars, in Barbershops oder auch in Wohnquartieren zur Ermittlung von Betrugsfällen im Zusammenhang mit Kindergeldzahlungen für Kinder, die gar nicht existieren. Aufsehen habe zum Beispiel die Videobeobachtung der Polizei auf dem Hamborner Altmarkt erregt, wo sich Rocker und Clan-Mitglieder vor zwei Jahren eine Schießerei lieferten. „Die Hells Angels nutzen die Cafés dort wie ein Klubhaus“, sagt Dierselhuis. Die Videokameras der Polizei seien ein Zeichen gewesen, für die Rocker und die Bevölkerung.

Präsenz zeigen gegen Clankriminalität: Polizeipräsident Alexander Dierselhuis in Duisburg.

Präsenz zeigen gegen Clankriminalität: Polizeipräsident Alexander Dierselhuis in Duisburg.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Videoüberwachung und KI

Ein Problem, das Dierselhuis ärgert: Oft würden Forderungen laut, mehr Videoüberwachung einzusetzen, das scheitere aber leider am Personal. Der Hintergrund: Videobilder dürften nicht aufgezeichnet werden, sondern müssten live ausgewertet werden. Inklusive Streifenwagenbesatzung brauche es für eine Videobeobachtung mindestens vier Beamte – ein hoher Personalaufwand. Künstliche Intelligenz (KI) könne in Zukunft möglicherweise bei der Auswertung von Videos helfen. Dafür fehlten aber bislang die Rechtsgrundlagen.

Auch anderer Stelle sieht der Polizeipräsident in Zukunft Potenzial für den Einsatz von KI, etwas bei der Annahme und Bearbeitung von Anzeigen im Bereich der Internetkriminalität. Entscheidungen, zum Beispiel Anzeige ja oder nein, müssten jedoch weiter Menschen treffen.

Sicherheit ist auch Bürgeraufgabe

Sicherheit, so betonte Dierselhuis, der auch in der NRW-Kommission zur Sicherheit unter Leitung von Wolfgang Bosbach mitgearbeitet hat, sei nicht allein eine staatliche Aufgabe. Jeder Mensch, einzeln oder auch im Verein, könne dazu beitragen. Das fange schon bei der Deeskalation und dem Eintreten für Demokratie bei hitzigen Debatten am Stammtisch an. Auch seien Engagement, Hinsehen und Erziehung von Eltern gefragt – in bestimmten Milieus leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Polizeipräsident berichtete etwa von einem abgehörten Telefonat zweier Brüder, die über einen Streit mit ihren Eltern sprachen. Die hätten sich aufgeregt, weil die Brüder einen gestohlenen Tresor im Wohnzimmer deponiert hatten – wohlgemerkt: Anlass für den Streit sei nicht der Diebstahl gewesen, sondern der störende Tresor auf dem Teppich in der guten Stube.

Bei solchen Beispielen waren Dierselhuis beim GUT die Lacher sicher. Er warb für Zivilcourage und soziale Kontrolle auch im Familien- und Freundeskreis. Beispiele gebe es auf allen Ebenen: Schwarzgeld, Schwarzarbeit… „Wer spricht das wirklich an, wenn er es zufällig mitbekommt?“ Was sich grundsätzlich positiv auswirke auf das Klima in einer Stadt, sei bürgerschaftliches Engagement. Die Schützen in Neuss seien das beste Beispiel: „Das Brauchtum führt die Menschen zusammen und gibt der ganzen Stadt Rückhalt.“

Was die Polizei braucht

Wenn er sich für die weitere Entwicklung der Polizei etwas wünschen dürfte, so Dierselhuis, dann wäre das eine bessere behörden- und länderübergreifende Zusammenarbeit, mehr Mut zur Digitalisierung wie in den Niederlanden und die Beweisumkehr bei hohen Vermögenssummen, wie es sie in Italien bei Bekämpfung der Geldwäsche gibt. Grundsätzlich, so der Polizeipräsident, würde er das deutsche Polizeisystem aber mit keinem anderen weltweit tauschen wollen.

Gefahr für Leib und Leben?

Macht sich Dierselhuis Sorge um die eigene Sicherheit? Es sei nicht so, dass die „schweren Jungs“ es drauf anlegten, „mal eben den Polizeipräsidenten auszuknipsen“. Eine solche Kampfansage an den Staat sei nicht gut fürs Geschäft, sagt der Neusser. Er sei trotzdem vorsichtig. Gefahr gehe eher von Menschen mit psychischen Problemen aus, das zeigten auch Attentate auf Politiker. Er selbst sei als Polizeipräsident in Oberhausen einmal ins Visier einer später in der Psychiatrie gelandeten Stalkerin geraten: „Die wollte mich allerdings nicht umlegen, sondern heiraten.“