Virologe kritisiert Gesundheitsminister Hendrik Streeck zu Gast in Neuss

Neuss · Der medienbekannte Virologe sprach in einer Talkrunde bei Janssen-Cilag auch über die Rollenkonflikte zwischen Wissenschaft und Politik.

Virologe Hendrik Streeck saß am Montagnachmittag nicht bei Markus Lanz, sondern bei Janssen-Cilag. Das Pharmaunternehmen mit Sitz in Rosellen hatte ihn zur Talkrunde eingeladen. Thema: die Rollenkonflikte von Wissenschaftlern und Politikern in der Corona-Pandemie. 41 Zuschauer verfolgten zwischenzeitlich den Livestream auf Youtube.

Virologe Hendrik Streeck.

Virologe Hendrik Streeck.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Auf die Frage von Moderatorin Frederike Gramm nach seiner persönlichen Meinung zu Gesundheitsminister Karl Lauterbach folgten erst ein lautes Ausatmen, dann einige Sekunden Stille und ein Lachen, bevor Streeck sagte, dass er „sich damit arrangiert“ habe, jedoch darüber „verwundert“ gewesen sei, wie frequent Lauterbach sich auf Twitter zu wissenschaftlichen Studien geäußert hat.

Zwischen Politik und Wissenschaft gebe es eine „ganz klare Trennung“: Der Wissenschaftler berate den Politiker mit seiner Meinung, seiner Einschätzung und seiner Expertise, die Entscheidung hingegen liege mit der verbundenen Verantwortung beim Politiker. Aus diesem Grund solle sich ein Politiker nicht hinter der Wissenschaft verstecken, sondern eine eigene Abwägung vornehmen, die von der Wissenschaft abweichen könne, so der Virologe. Nicht nur zu Lauterbach, sondern auch zu den Medien äußerte sich Streeck kritisch: „Da ist schon eine Kampagne gewesen“, meinte er und wies auf das Jahr 2020 zurück, in dem er als „Antiheld“ dargestellt wurde. Auch heute werde er häufig von anderen Virologen abgegrenzt, obwohl seine Meinung sich nicht mehr stark von Kollegenmeinungen unterscheide. „Ist das eine ernst gemeinte Frage?“, lautete Streecks Antwort darauf, ob er sich selbst eher als einen Wissenschaftler oder als einen Medienmacher sehe. „Natürlich bin ich Wissenschaftler“, sagte er, aber die Wissenschaftskommunikation gehöre zu seiner Arbeit dazu.

Virologen seien in der Corona-Pandemie überschätzt worden: Als Arzt verfüge man zwar über eine Expertise, könne jedoch beispielsweise keine psychologischen oder philosophischen Fragen beantworten. Experten aus anderen Bereichen solle man daher stärker einbeziehen. Allerdings sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für das Aufstocken: „Ich glaube, mit den Problemen, die vor der Tür stehen, müssen wir jetzt nicht noch mehr in einen Corona-Expertenrat finanzieren.“

Neben Streeck waren auch die Journalistin Lisa Braun und Bianca Hermle vom Uniklinikum Tübingen bei Markus Hardenbicker und Frederike Gramm zu Gast. Eine Aufzeichnung der einstündigen Veranstaltung ist auf Youtube zu sehen.

(kkt)
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