1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss verliert Weltmarke „Tempo“ - Essity will in Mannheim produzieren

Sorge bei Mitarbeitern : Neuss verliert die Weltmarke „Tempo“

Der Mutterkonzern Essity kündigt eine Verlagerung der Produktion nach Mannheim an. Betriebsrat und Gewerkschaften wehren sich und organisieren eine Protestkundgebung. Sie fürchten um den Standort Neuss.

Betriebsrat, Gewerkschaften, aber auch Politik und Verwaltung sind alarmiert: Der Hygiene- und Gesundheitskonzern Essity hat angekündigt, ab 2022 die weltbekannten Tempo-Taschentücher nicht mehr in Neuss zu produzieren. Die Fertigung soll – nach 60 Jahren in Neuss – nach Mannheim verlagert werden, dem mit 2100 Beschäftigten größten europäischen Werk der Gruppe. In Neuss verbleibt die Papiertaschentuch-Herstellung für Handelsmarken, die zum Beispiel in den Regalen der großen Discounter zu finden sind. Der Betriebsratsvorsitzende Ralf Kruska argwöhnt, dass das der Anfang vom Ende des Neusser Werks mit seinen 460 Mitarbeitern sein könnte.

Für Mittwoch wurde im Unternehmen eine Mitarbeiterinformation angekündigt, für Freitag (29.) haben Betriebsrat und die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) erst eine Mahnwache und ab 12 Uhr eine Protestkundgebung an der Floßhafenstraße angemeldet. „Umstrukturierungen“, so erklärt der DGB-Kreisvorsitzende Udo Fischer seine Teilnahmezusage, „haben noch nie einen Zugewinn an Arbeitsplätzen gebracht.“

 Seit 1962 werden im Werk an der Floßhafenstraße Tempo-Taschentücher produziert. Das will der Mutterkonzern Essity ändern. 
  Foto: R. Weihrauch/dpa
Seit 1962 werden im Werk an der Floßhafenstraße Tempo-Taschentücher produziert. Das will der Mutterkonzern Essity ändern. Foto: R. Weihrauch/dpa Foto: dpa/dpaweb/Roland Weihrauch
  • Palfinger Platforms in Krefeld ist Spezialist
    Wirtschaft in Krefeld : Palfinger verlagert Produktion nach Sachsen
  • Verkehrspolitik in Neuss : Weckhovener überrumpelt von Tempo 30
  • Der NRV-Achter mit (v.l.) Paula Kuhn,
    Rudern : Frauen-Achter aus Neuss holt DM-Silber

Die Nachricht von dieser Konzernentscheidung erreichte Kruska über den Europa-Betriebsrat im Nachgang einer Bilanz-Pressekonferenz des Mutterkonzerns Essity am vergangenen Freitag. Bei dieser Gelegenheit hatte die Konzernspitze auch eine Umstrukturierung des Hygiene- und Gesundheitsunternehmens in drei zentrale Geschäftsfelder bekannt gegeben.

Seit Juli habe man davon gewusst, dass Essity die Markenproduktion – in Neuss wird neben Tempo-Taschentüchern auch Toilettenpapier der Marke Zewa hergestellt – von der Private-Label-Sparte, die die Handelsmarken produziert, trennen möchte. Hintergrund: Das Private-Label-Geschäft ist starken Preisschwankungen ausgesetzt, da zum Beispiel mit den großen Discount-Ketten verhandelt werden muss, die kräftig auf den Preis drücken würden. „Bis Donnerstagabend konnten wir aber davon ausgehen, dass Neuss ein Markenwerk bleibt“, sagt Kruska. Die Nachricht von der Verlagerung sei völlig überraschend und ohne Vorankündigung gekommen.

In der Tat plant Essity den Aufbau einer neuen Sparte, bestätigte Firmen-Sprecherin Michaela Wingefeld auf Nachfrage. Diese werde unter dem Namen „Consumer Tissue Private Label Europe“ firmieren und sich auf die Produktion und Vermarktung von Handelsmarken führender Handelsketten für den Endverbraucher konzentrieren. Neuss gehört als eines von sieben Werken in Europa dieser Division an. Auf die bestehenden Arbeitsverhältnisse habe die interne Neuausrichtung „zum jetzigen Zeitpunkt keine Auswirkungen“.

Betriebsrat und Gewerkschaft wollen die Verlagerung trotzdem verhindern. „Tempo ist das Herzstück der Produktion in Neuss“, sagt Thomas Neumann von der IG BCE. Er argumentiert, dass der Abbau der Maschinen in Neuss und ihr Wiederaufbau in Mannheim wenig Sinn mache, weil man dort keine Erfahrung in der Herstellung von Tempo-Taschentüchern hat. „Entsprechendes Know how der Beschäftigten ist nur in Neuss vorhanden und muss in Mannheim erst entstehen.“

Unterstützt wird die Arbeitnehmervertretung von der Politik. Sascha Karbowiak, Parteivorsitzender der Neusser SPD, wird versuchen, am Freitag auch zur Kundgebung zu kommen und so ein Zeichen zu setzen. „Der Name Tempo ist seit Jahrzehnten eng mit Neuss verbunden“, sagt Karbowiak, der von der Konzernspitze erwartet, dass sie der schon entstandenen großen Verunsicherung in der Belegschaft mit Transparenz begegnet und möglichst viele gut bezahlte Jobs in Neuss wirklich dauerhaft sichert.

Das Patent für Papiertaschentücher mit der Markenbezeichnung Tempo wurde 1929 erteilt. 1960 wurde das Werk an der Floßhafenstraße gebaut, wo 1962 die Produktion anlief. Heute verlassen jährlich rund 20 Milliarden Taschentücher das Werk in Neuss, das jährlich 112.000 Tonnen Hygienepapier produziert.