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Neuss: Unterwegs mit dem Streetwork-Bus

Beratung Mobil in Neuss : Unterwegs mit dem Streetwork-Bus

Sie helfen denjenigen, die aus dem sozialen Sicherungssystem gefallen sind. Seit Ende 2018 sind drei Streetworkerinnen in Neuss unterwegs. Ihre Klienten sind Drogenabhängige und Wohnungslose.

Es ist ein kühler Wintertag, als Birte Schmidt und Svenja Schröder mit ihrem Bus auf den Marienkirchplatz fahren. Dort werden sie schon erwartet: Ein Mann richtet sich auf, ein Lächeln huscht über sein Gesicht, dann hebt er seine Hand und winkt. „Ganz schön windig heute“, ruft ihm Birte Schmidt zu und zieht die Tür auf.

Die 24-Jährige ist eine von drei Streetworkerinnen, die für die „Beratung mobil“ auf den Neusser Straßen unterwegs sind. Sie fahren raus zu den Menschen, die Drogenprobleme haben oder wohnungslos sind, um ihre Hilfe anzubieten. Seit Dezember 2018 gibt es das Angebot, seit Ende des vergangenen Jahres nutzen die Sozialarbeiterinnen einen Bus.

An jenem Tag haben Birte Schmidt und Svenja Schröder heißen Tee, Kaffee und Waffeln für ihre Klienten dabei. Der Laderaum ihres Sprinters wirkt gemütlich: Ein Tisch und Stühle stehen dort, an den Wänden hängen Bilder, Flyer und eine Lichterkette. Der Bus ist zugleich auch ein fahrbares Büro: „Wir können uns hier mit einem Klienten zurückziehen und am Laptop schnell etwas bearbeiten“, erzählt Birte Schmidt. Das sei oftmals leichter, als erst einen Termin mit den Klienten zu vereinbaren, den sie dann eventuell nicht wahrnehmen.

Ein weiterer Mann nähert sich dem Bus, er lacht und hält eine Packung Kekse in der Hand. „Die habe ich mitgebracht“, sagt er, dreht sich um und deutet auf die Frauen: „Ohne sie hätte ich den Winter nicht überlebt.“ Dann fängt er an zu erzählen. Darüber, dass er die Streetworkerinnen vor gut einem Jahr kennengelernt hat. Seitdem sei viel passiert: Sie hätten ihm bei seinen „Papieren“ geholfen und dabei, dass er wieder Leistungen, also Arbeitslosengeld II, beziehen kann. Eine Wohnung hat er noch nicht gefunden. Heute ist er zu dem Beratung-Mobil-Bus gekommen, ohne ein konkretes Anliegen zu haben. „Es tut einfach gut, sich mit jemandem unterhalten zu können.“

 Streetwork ist eine Schnittstellen-Arbeit: Die Sozialarbeiterinnen sind die erste Anlaufstelle für Menschen, die Sorgen haben – etwa wegen Suchterkrankungen oder, weil sie aus dem sozialen Sicherungssystem gefallen sind. Die Sozialarbeiterinnen vereinbaren Termine, begleiten die Betroffenen bei Behördengängen und vermitteln sie in andere Einrichtungen weiter. Da sie in der Jugend- und Drogenberatung Neuss und der Caritas-Wohnungslosenhilfe arbeiten, haben sie die passende Fachkenntnis. „Wir bauen Brücken“, sagt Svenja Schröder. Ihre Klienten sind oft Menschen, die sich nicht von selbst um Hilfe kümmern können. Weil sie die Angebote nicht kennen. „Häufig ist aber auch die Hemmschwelle zu hoch, um eine soziale Einrichtung zu besuchen“, sagt Svenja Schröder.

 Mittlerweile sitzen zwei Klienten mit ihr und Birte Schmidt in dem beheizten Bus. Die Streetworkerinnen kennen die Männer schon länger, sie wissen, welche Hobbys sie haben und wo ihre Probleme liegen. Sie plaudern mit ihnen über Alltäglichkeiten, erkundigen sich aber auch nach der aktuellen Lebenssituation und machen auf Hilfsmöglichkeiten aufmerksam. „Wir wollen unsere Hilfe nicht aufdrängen, aber darauf aufmerksam machen, dass es Unterstützung gibt und wir da sind“, erklärt Svenja Schröder.

Der Bus ist nicht nur Büro, sondern auch Kontaktstelle: „Wir sind dadurch sichtbar“, sagt sie. So kommt auch an jenem kalten Wintertag ein Mann aus dem Bahnhof zu dem Mobil. Er bleibt kurz stehen, nimmt dankend einen Kaffee an und plaudert mit Birte Schmidt. Vorerst bleibt es beim Smalltalk. „Streetwork ist vor allen Dingen geduldige Arbeit“, erzählt die Sozialarbeiterin später. Nicht zuletzt, weil das Beratung-Mobil-Angebot in Neuss noch relativ jung ist. „Es braucht Zeit, bis sich Vertrauen aufbaut.“

Dafür haben sie einen besonderen Helfer: Svenja Schröder hat bei den Touren ihren Hund Chino dabei. „Manche gehen erst auf ihn zu, ehe sie mit uns reden“, erzählt die 29-Jährige und streichelt den Vierbeiner. Um mehr Menschen zu erreichen, haben sie seit Anfang des Jahres zwei Mal in der Woche feste Plätze: Montags stehen sie am Marktplatz und verteilen kostenlose Suppe, Dienstag gibt es am Marienkirchplatz Gebäck. “

Als der Mann seinen Kaffee ausgetrunken hat, geht er weiter in Richtung Innenstadt. Ob er wiederkommt? Birte Schmidt weiß es nicht. „Die Szene ist sehr wechselhaft.“