1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Ulla Lenze stellte in Stadtbibliothek den Roman "Der Empfänger" vor

Literarischer Sommer in Neuss : Ein Leben in New York und Neuss

Die Autorin Ulla Lenze war beim „Literarischen Sommer“ in der Stadtbibliothek zu Gast. Sie hat dort ihren in der amerkanischen Metropole und Neuss spielenden Roman „Der Empfänger“ vorgestellt.

In Zeiten von Corona ist es alles andere als eine Selbstverständlichkeit: Der „Literarische Sommer“ findet statt. 14 Städte sind diesmal mit im Boot, „nur“ es gibt einige Lesungen weniger als in den vergangenen Jahren. Das Literatur-Event begann so richtig (zumindest mit einer aktuellen Neuerscheinung) am Mittwochabend in der Stadtbibliothek, mit einem interessanten Roman, geschrieben von einer Autorin, die vor 46 Jahren in Mönchengladbach geboren wurde: Ulla Lenze und ihr Buch „Der Empfänger“.

Ulla Lenze hat beim „Literarischen Sommer“ in der Stadtbibliothek ihren jüngsten Roman vorgestellt. Foto: Andreas Woitschützke

Die Initialzündung für ihren fünften Roman bildete ein Konvolut an Briefen, einem Schriftverkehr zwischen ihren Großonkeln Josef und Carl Klein vor allem zu Kriegszeiten. Josef hatte sich in den USA schuldig gemacht, hatte rechtsradikale Pamphlets gedruckt. Für seinen Bruder Carl war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unerreichbar, weil er durch einen Arbeitsunfall ein Auge verloren hatte.

Die Stadtbibliotheks-Leiterin Claudia Büchel begrüßte rund 50 Literaturfreundinnen und –freunde, die in einem coronabedingten Sicherheitsabstand der Autorin lauschten. Das Konzept hat sich längst bewährt: Christine Breitschopf, für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadtbibliothek zuständig, interviewte die Autorin. Die Gespräche wurden durch Lesungen unterbrochen. Und zum Schluss durften die Besucher noch Fragen stellen. Die Handlung des Romans „Der Empfänger“ spielt unter anderem in Neuss und New York.

Für Ulla Lenze ist es ihr erster zeitgeschichtlicher Roman, ein Werk, das ihr einiges abverlangt habe: „Das war so, als ob man mit Handschuhen Klavier spielt.“ Sie habe mit großer Akribie recherchiert, sich aber auch als Schriftstellerin Freiheiten erlaubt. Hemmungen, sich des Themas anzunehmen, traten schließlich in den Hintergrund.

Den Briefwechsel beschrieb die Autorin als „exklusives Fenster“.  Und sie nennt ihren Roman „eine klassische Mitläufergeschichte“.

Die Zuhörer entführte sie zunächst ins Jahr 1949: Da bekommen der Neusser Seifengroßhändler Carl Klein und seine Frau Edith Besuch von Carls Bruder Josef. Ulla Lenze schildert alles sehr genau: den Geruch von Kernseife, die steife Atmosphäre zwischen zwei Brüdern, die sich viel geschrieben haben und jetzt von Angesicht zu Angesicht doch ein wenig distanziert wirken.

Der pflichtbewusste Carl und der eher weltmännische Josef, der das Leben im Multikulti-Schmelztiegel  New York genossen hatte, haben ganz offenbar nicht dieselbe Wellenlänge. Neidet es Carl seinem Bruder, dass er in die USA einreisen durfte und er nicht?

Der Leser dürfte sich so seine Gedanken machen. Ulla Lenze las auch, wie Josef 1939 als begeisterter Amateurfunker ohne besondere politische Ambitionen sich instrumentalisieren lässt von rechtsradikalen Kräften in New York, die davon träumen, dass ihr nächster Präsident Adolf Hitler heißt.

Josef grenzt sich nicht genug ab, wird dafür zur Rechenschaft gezogen, muss eine mehrjährige Haftstraße verbüßen, unter anderem auf Ellis Island. Für den Spionagering hatte er ein Funkgerät gebaut. „Das Hobby war damals Technik-Nerds vorbehalten“, erklärte die Autorin, die den Amateurfunk als Vorläufer des Internets bezeichnete.

Und sie erstaunt mit ihren Romanfiguren wie Mrs. Dollings, die 1939 viel Bewunderung für den Führer im fernen Deutschland übrig hat – kaum zu glauben, dass im Zusammenhang mit Hitler der Begriff „Humanist“ fällt. Ihren entfernten Verwandten sieht die Autorin nicht als Helden, aber auch nicht als überzeugten Nazi. Was ihr diese Einschätzung erschwert hat: „Aus den Briefen wird die politische Einstellung nicht erkennbar“, erklärte Ulla Lenze, die in Berlin lebt.