Neuss: Über die Freude, die ein Stehplatz in der Kirche bringt

Neusser Woche: ... und Weihnachten in die Kirche! : Über die Freude, die ein Stehplatz bringt

Weihnachten sind die Kirchen voll. In Essen sollen Eintrittskarten den Ansturm steuern. Regelmäßige Gottesdienst-Besucher haben Angst, keinen Sitzplatz zu finden. Eine Diskussion über Eventsuche und Folkloresüße. Derweil freut sich das Kind in der Krippe über alle, die kommen.

Der Imam einer Neusser Moschee, mit dem ich vor Jahren am ersten Weihnachstag zusammensaß, berichtete mir damals stolz, dass er Heiligabend erstmals eine Christmette besucht habe. Das sei ein interessantes Erlebnis gewesen. Genau genommen hatte er einer Kinderchristmette beigewohnt. Der Sohn hatte den Imam dazu bewegt. Der Junge hatte im Kindergarten von seinen Gefährten gehört, dass sie sich darauf freuten, zu Weihnachten mit ihren Eltern zur Kirche zu gehen. Da wollte er nicht fehlen. Und sein Vater auch nicht.

Ob sich das Kind in der Krippe gefreut hat, wer da gekommen war wie einst die Weisen aus dem Morgenland? Mit Sicherheit, denn es freut sich über alle, die kommen, und eben nicht über die, die fern bleiben. Seit die abstruse Idee publik wurde, dass eine Essener Gemeinde Eintrittskarten verteilt, um den Ansturm auf die Gottesdienste an Heiligabend und zu Weihnachten zu regulieren, diskutiert ein Teil der Öffentlichkeit, wer wie Zugang zu den Feiern in den Kirchen erhält. Wer übers Jahr seiner Sonntagspflicht nachkomme, so war zu hören, der solle auch in der Heiligen Nacht einen Sitzplatz erhalten und nicht denen weichen müssen, die „nur“ zu Weihnachten in die Kirche eilen. Eine substanziell entleerte Diskussion, die irgendwo zwischen Eventsuche und Folkloresüße angesiedelt ist.

So wie das Kind in der Krippe, so wird sich auch jeder Pfarrer über jeden Besucher freuen, den es in die Kirche zieht. Weihnachten ist kein Fest für Eingeweihte und „Stammkunden“, Gott ist für alle da. Darum ist die voll besetzte Kirche ein Beleg, dass seine Botschaft bei vielen Menschen doch nicht verschüttet ist. Ein Stehplatz in der Kirche ist ein Grund zur Freude.

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