Kammerakademie in Neuss Streicherfarben in Reinkultur

Neuss · Ganz offensichtlich hat die Deutsche Kammerakademie Neuss (DKN) den richtigen Zeitpunkt für ihre Konzerte im Zeughaus gefunden, denn auch das 2. Abokonzert war richtig gut besucht. „Streicherfarben“ hatte Isabelle van Keulen versprochen, und drei Werke voll funkelnder Magie lösten dieses Versprechen ein.

 Das Versprechen der künstlerischen Leiterin Isabelle van Keulen wurde eingelöst.

Das Versprechen der künstlerischen Leiterin Isabelle van Keulen wurde eingelöst.

Foto: Nikolaj Lund

Ganz offensichtlich hat die Deutsche Kammerakademie Neuss (DKN) den richtigen Zeitpunkt für ihre Konzerte im Zeughaus gefunden, denn auch das 2. Abokonzert war richtig gut besucht. Konzertbeginn ist seit einer Weile um 18.00 Uhr, und Tatort-Fans kommen so pünktlich nach Hause. Am Sonntagabend schauten Alexander Thiel und Karl-Friedrich Börne aber in die Röhre, denn was die DKN bot, war allemal spannender als der Münsteraner Tatort.

„Streicherfarben“ hatte die künstlerische Leiterin der DKN Isabelle van Keulen versprochen, und drei Werke voll funkelnder Magie lösten dieses Versprechen ein. Im Mittelpunkt stand die „Sinfonische Serenade für Streichorchester“ von Erich Wolfgang Korngold. Sie entstand 1949/50, nachdem der vor den Nazis in die USA emigrierte Wiener Musiker und in Hollywood gefeierte Filmkomponist wieder nach Europa zurückgekehrt war. Ein Pizzicati-Auftakt zu Beginn und die Rückkehr zum gestrichenen Klang beinhaltete bereits das Wechselspiel zwischen Effekt und Affekt, das dem viersätzigen Werk als Bestimmung mitgegeben war. „Mein Glaubensbekenntnis heißt der Einfall“, sagt der Komponist, der sich im Streicher-Niveau bestens auskennt, auch wenn er von der Klasse einer hochmotivierten DKN noch nichts wissen konnte.

Ein unglaubliches Pizzicato-Fest folgt dem ersten Satz im Intermezzo, von zeitloser, nein, futuristischer Tiefe geprägt ist der langsame Satz, ein „Lento religioso“. Die Uraufführung der Wiener Philharmoniker im Januar 1950 dirigierte Wilhelm Furtwängler. Isabelle van Keulen saß an der ersten Geige und musste sich nur auf wenige Zeichen beschränken. Der spätest-romantische, ultrachromatische, aber immer tonale Stil Korngolds forderte Vieles an spieltechnischem Können von der DKN , die diesem Erfordernis mit Kolorit in Reinkultur und Klangexpressivität bestens entsprach. Dieses Hauptwerk wurde umrahmt von zwei Stücken des rumänischen Komponisten George Enescu, darunter sein „Oktett für Streicher“. Dieser monumentale Geniestreich – mit mehr als 40 Minuten Spieldauer – eines 19-Jährigen wurde im Jahr 1900 komponiert.

Der Kosmopolit studierte damals in Paris, wo er auch als Violinist unter anderem für seine Bach-Interpretationen gefeiert wurde. Sein Oktett ist ein einziger Sinfoniesatz, weil die vier Sätze attacca ineinander übergehen. Der erste Satz beginnt im Unisono der sieben Oberstimmen über einem Tremolo des zweiten Cellos. „Singende Passagen sollen hervortreten“, fordert der Komponist. Darunter sind auch wild-rumänische Themen. Die Orchesterfassung einer DKN in Reinkultur faszinierte mit einem fein gewebten Klangteppich „extremement gracieux“.

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