Rheinland Klinikum und Johanna-Etienne-Krankenhaus in Neuss Krankenhaus-Verzeichnis: Transparenz mit wenig Durchblick

Rhein-Kreis · Mehr Transparenz, mehr Unterstützung und Orientierung für Patienten, die speziell für ihre Beschwerden oder anstehende Operationen die richtige Klinik suchen, das verspricht eine neu aufgesetzte Datenbank der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Wie gut ist das neue Angebot? Ein Test mit Stichproben aus dem Rhein-Kreis Neuss.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat ihr Krankenhaus-Verzeichnis neu gestartet.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat ihr Krankenhaus-Verzeichnis neu gestartet.

Foto: Screenshot - Deutsches Krankenhaus Verzeichnis 2024

Das Versprechen ist groß und weckt Hoffnungen bei vielen Patienten, die auf der Suche nach dem für sie am besten Krankenhaus sind. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat am Montag ihr überarbeitetes Krankenhausverzeichnis vorgestellt. Nutzerfreundlicher soll das Portal werden, Patienten schnell Informationen über Fallzahlen von Operationen, Komplikationsraten und Qualitätsstandards in Kliniken bundesweit liefern. Wie schneiden die Krankenhäuser im Rhein-Kreis Neuss in der Datenbank ab? Wie aussagekräftig sind die Suchergebnisse und wie einfach ist die Datenbankrecherche wirklich? Eine Stichprobe.

Beispiel 1: Kaiserschnitt

 Die Suche nach „Neuss“ und „Kaiserschnitt“ liefert Ergebnisse ohne das Lukaskrankenhaus, die größte Geburtsklinik im Rhein-Kreis.

Die Suche nach „Neuss“ und „Kaiserschnitt“ liefert Ergebnisse ohne das Lukaskrankenhaus, die größte Geburtsklinik im Rhein-Kreis.

Foto: Screenshot - Deutsches Krankenhaus Verzeichnis 2024

Beispiel 1: Eine Schwangere aus Neuss weiß, dass ihre Geburt auf einen Kaiserschnitt hinausläuft und sucht die für sie beste Klinik. In der Transparenzsuche der DKG gibt sie Neuss als Wohnort ein und bei der Frage nach Krankheit oder Behandlung das Stichwort Kaiserschnitt. Das Ergebnis zeigt eine Liste von zehn Krankenhäusern in einer Entfernung von 2,2 bis 16,7 Kilometern, sortiert nach Entfernung vom Wohnort. Erster Treffer ist das Johanna-Etienne-Krankenhaus, danach folgen fünf Kliniken aus Düsseldorf, je ein Krankenhaus aus Mönchengladbach, Krefeld und Ratingen sowie schließlich das Rheinland Klinikum in Dormagen. Vom Lukaskrankenhaus in Neuss, immerhin die größte Geburtsstation im Rhein-Kreis, bei der auch noch eine Kinderklinik angschlossen ist, keine Spur. Dies allerdings offenbar kein Problem allein der jetzt neu gestarteten Datenbank. Auch die AOK-Krankenhaussuche listet das Lukaskrankenhaus bei „Geburt durch Kaiserschnitt“ nicht.

Beispiel für einen Treffer in der Datenbank bei der Suche nach „Kaiserschnitt“ im Bereich Neuss: das Johanna-Etienne-Krankenhaus.

Beispiel für einen Treffer in der Datenbank bei der Suche nach „Kaiserschnitt“ im Bereich Neuss: das Johanna-Etienne-Krankenhaus.

Foto: Screenshot - Deutsches Krankenhaus Verzeichnis 2024

Die Komplikationsrate, in diesem Fall definiert als „Verhältnis von tatsächlicher zu erwarteter Anzahl an Müttern mit schwerem Dammriss (Grad IV)“ wird bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft im Testfall für fast alle Kliniken mit „0,00“ angegeben. Ausnahmen: Bei der Uniklinik Düsseldorf liegt sie bei 1,51, beim Rheinland Klinikum Dormagen bei 2,31. Ungeachtet dessen gilt aber für alle Krankenhäuser: „Qualitätsziel erreicht“. Fallzahlen sollen Hinweise auf Erfahrung und Routine geben. Allerdings beziehen sich die angegebenen Zahlen auf den gesamten Leistungsbereich Geburtshilfe, nicht speziell auf Kaiserschnitte. Für das Johanna-Etienne-Krankenhaus werden 787 Fälle angegeben, für das Rheinland Klinikum Dormagen 616. Spitzenreiter in der Ergebnisliste ist das Florence-Nightingale-Krankenhaus mit 3180 Fällen. Zum Vergleich: Im nicht aufgelisteten Lukaskrankenhaus in Neuss sind es jährlich rund 2000. Weitere Informationen aus der Datenbank beziehen sich auf Personalzahlen, Hygiene und die Angebote der Notfallversorgung.

Und hier die Angaben für das Rheinland Klinikum Dormagen bei der Suche nach „Kaiserschnitt“.

Und hier die Angaben für das Rheinland Klinikum Dormagen bei der Suche nach „Kaiserschnitt“.

Foto: Screenshot - Deutsches Krankenhaus Verzeichnis 2024

Wer sich genauer informieren will, kann sich Detaildaten zur ausgewählten Operation oder Behandlung anzeigen lassen und prüfen, wie ein Krankenhaus im Vergleich zum Bundesdurchschnitt und mit Blick auf definierte Zielbereiche liegt. Ein Beispiel: In der Kategorie „So selten wurden Kaiserschnittgeburten bei reifen Einlingen und erstgebärenden Müttern ohne spontane Wehen in Schädellage durchgeführt“ kommt das Rheinland Klinikum Dormagen auf 46,15 Prozent und liegt damit fast genau im Bundesschnitt von 45,9 Prozent. Für das Johanna-Etienne-Krankenhaus liegt der Wert höher: 51,68 Prozent.

Beispiel 2: Patient mit Leistenbruch

Beispiel 2: Ein Patient aus Neuss muss einen Leistenbruch im Krankenhaus behandeln lassen. Die Transparenzsuche mit Wohnortangabe und Erkrankung ergibt wiederum zehn Treffer. Diesmal stehen das Lukaskrankenhaus und das Etienne-Krankenhaus auf den Plätzen eins und zwei. Allerdings fehlen in diesem Fall für alle Krankenhäuser Angaben zu Komplikationen, die Suchmaschine gibt den Hinweis, dass für die ausgewählte Behandlung keine Qualitätsdaten erfasst werden. Zahlen zur Erfahrung liegen vor: 354 Fälle werden für das Lukaskrankenhaus angegeben, 216 für das Etienne-Krankenhaus. Damit ist das Lukaskrankenhaus Spitzenreiter unter den zehn gelisteten Häusern, das Etienne-Krankenhaus liegt immerhin auf Platz vier. Weitergehende Detail-Daten wie im Beispiel Kaiserschnitt gibt es in diesem Fall nicht.

Beispiel 3: Hüftgelenksprothese

Beispiel 3: Ein Patient aus Neuss sucht die geeignete Klinik für das Einsetzen einer Hüftgelenksprothese. Erneut werden zehn Kliniken aufgelistet, darunter vier aus dem Rhein-Kreis Neuss: die Rheintor-Klinik, das Lukaskrankenhaus, das Etienne-Krankenhaus und das St.-Elisabeth-Krankenhaus in Meerbusch-Lank. In diesem Fall gibt es größere Unterschiede nicht nur mit Blick auf die Fallzahlen, sondern auch bei den Komplikationsraten. Für die Rheintor-Klinik des Rheinland Klinikums werden 404 Fälle genannt, für das Lukaskrankenhaus 132, für das Etienne-Krankenhaus 319 und für das Elisabeth-Krankenhaus 483. Spitzenreiter ist das St.-Vinzenz-Krankenhaus in Düsseldorf mit 740 Fällen, Schlusslicht das Marien-Hospital in Düsseldorf mit 19 Fällen. Die Komplikationsrate schwant zwischen „0,00“, unter anderem in der Rheintor-Klinik, 0,86 im St.-Elisabeth-Hospital, 1,6 im Lukaskrankenhaus und 4,09 im Etienne-Krankenhaus. Auch hier gilt: Die Komplikationsraten sind in allen Häuern so niedrig, dass die definierten Qualitätsziele als erreicht eingestuft werden. Definiert wurden Komplikationen im Fall einer Hüftprothese so: „So selten kam es zu spezifischen Komplikationen (Wundinfektionen, Blutungen, erneute Brüche) durch das erstmalige Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks.“

Wie im Beispiel Kaiserschnitt lassen sich auch hier Detailinformationen prüfen, etwa zu Wartezeiten bis zu Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenkes nach einem Oberschenkelhalsbruch, zum Training für Patienten, um nach der OP erneute Stürze zu vermeiden oder zu weiteren spezifischen Komplikationen beim erstmaligen Einsetzen einer Prothese ebenso wie beim Austausch eines künstlichen Gelenkes.

Beispiel 4: Gallenblasen-OP

Beispiel 4: Bei einem Patienten muss die Gallenblase entfernt werden. Die Suche nach „Neuss“ und „Gallenblasenentfernung“ bringt vier Treffen, keiner davon aus dem Rhein-Kreis Neuss. Dabei ist eine Gallenblasenentfernung keine seltene Operation. Das Beispiel zeigt: Bei der Suchmaschine kommt es extrem auf die Suchbegriffe an. Sucht man nur nach „Neuss“ und „Gallenblase“ tauchen Lukaskrankenhaus und Etienne-Krankenhaus auch auf. Logisch sind die zielführenden Suchwörter nur bedingt. Warum zum Beispiel „Gallenblasenentfernung“ bei einigen Kliniken zum Treffer führt und bei anderen nicht, erschließt sich nicht.

Mängel bei der Verschlagwortung

Im Zweifel sollten Patienten also immer verschiedene Suchbegriffe ausprobieren, was allerdings einiges an Fachwissen um die eigene Krankheit voraussetzt. Das sorgt auch im Rheinland Klinikum in Neuss für Irritation: „In unserem Fall ist aufgefallen, dass die Verschlagwortung dazu führen kann, dass ein Krankenhaus für ein Krankheitsbild, zum Beispiel Darmkrebs, nicht angezeigt wird und nur unter dem Fachbegriff ,Kolon’ erscheint“, sagt Johanna Protschka, Sprecherin des Rheinland Klinikums. So seien Missverständnisse programmiert. Ihre Forderung: Für die Verschlagwortung sollten einheitliche Kriterien gelten.

Fehlende oder falsche Zahlen

Andere Informationen, etwa zu den Hygiene-Standards zeigen zumindest in Einzelfällen teils so große Abweichungen in den Zahlen, dass fehlende oder falsche Zuordnungen beziehungsweise Daten offensichtlich sind. Beispiel ist das Etienne-Krankenhaus, für das nur ein Hygienemitarbeiter ausgewiesen wird. Tatsächlich sind nach Klinikangaben 48 Fachkräfte im Bereich Hygiene tätig. Der Fehler sei bereits zur Korrektur gemeldet. Das Rheinland Klinikum bemängelt, dass für das Haus, je nach Suche, die angegebene Fallzahl von Geburten nicht korrekt dargestellt werde: „Hier wurde die Gesamtfallzahl der Frauenklinik aufgegriffen, dies bedarf einer Korrektur“, sagt Protschka.

Kritik an Auswahl der Vergleichdaten

Entsprechend zurückhaltend bis kritisch äußern sich die Krankenhäuser im Rhein-Kreis zur „Transparenzsuche“. „Wir begrüßen die Einführung des neuen Krankenhausverzeichnisses als einen Schritt in die richtige Richtung zur verbesserten Transparenz. Jedoch sehen wir, dass die aktuelle Darstellung hauptsächlich auf Strukturkriterien basiert und wichtige Aspekte der Ergebnis- und Prozessqualität vernachlässigt“, sagt Violetta Fehse, Sprecherin der St.-Augustinus-Gruppe, zu der auch das Etienne-Krankenhaus gehört. Eine umfassende Bewertung einer Krankenhausleistung sollte, so Fehse, auch die Indikationsqualität berücksichtigen, das heißt, ob Eingriffe nur dann empfohlen werden, wenn sie wirklich notwendig sind. Das Etienne-Krankenhaus setze besonders auf die Förderung konservativer Therapien vor operativen Eingriffen. Positiv bewertet wird die optische und technische Aufbereitung im neuen Krankenhausverzeichnis, die Patienten den Zugang erleichtere und es den Kliniken erlaube, selbst Daten zu ergänzen und zu pflegen.

Fehse verweist allerdings darauf, das vergleichbare Inhalte auch anderenorts, etwa im „AOK Navigator“ verfügbar seien. „Unsere größten Bedenken beziehen sich auf die überwiegende Fokussierung auf Strukturkriterien, wie zum Beispiel die Anzahl des Personals in verschiedenen Berufsgruppen, während entscheidende Aspekte der Ergebnis- und Prozessqualität unzureichend berücksichtigt werden“, sagt die Sprecherin der St.-Augustinus-Gruppe. Besonders bei Endo-Prothesen-Zentren werde in allen Darstellungen vernachlässigt, dass viele Standorte nur Ersteingriffe ohne die Versorgungsstruktur für postoperative intensivmedizinische Kompetenz und Revisionsoperationen anbieten.

Die Revisionsoperationen, also Nachoperationen, zum Beispiel bei Patienten, die in einem anderen Krankenhaus eine Prothese erhalten haben, hätten zudem, so Fehse, auch Auswirkungen auf die in der Suchmaschine dargestellten Komplikationsraten. Diese könnten in Kliniken, die auf Operationen, die anderswo gar nicht angeboten werden, spezialisiert seien, höher ausfallen. Das wäre dann kein Negativ-Kriterium, sondern eigentlich ein Kennzeichen für die hohe Qualifikation der Operateure. Patienten könnten solche Hintergründe jedoch aus dem Krankenhaus-Atlas nicht ableiten.

Ähnlich auch die Einschätzung im Rheinland Klinikum: Grundsätzlich, so Sprecherin Johanna Protschka, begrüße man, dass Daten zur Qualität zugänglich gemacht werden. Die Krankenhäuser seien dazu seit 2005 gesetzlich verpflichtet und nutzten dafür auch ihre eigenen Internetseiten. Bei der Darstellung in Vergleichsportalen bestehe jedoch das Risiko, dass komplexere medizinische Sachverhalte, die vereinfacht dargestellt werden, bei Patienten zu Fehlschlüssen führen könnten. „Ein Beispiel wäre die Kaiserschnittrate bei Geburten, die bei einer Geburtshilfe mit Perinatalzentrum per se höher sein kann, da dort sehr viel mehr Risikogeburten durchgeführt werden, als bei Geburtskliniken ohne Versorgungsstufe“, sagt Protschka.

Mehrwert für Patienten begrenzt

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte ihre Suchmaschine jüngst überarbeitet, um deutlich zu machen, dass die Kliniken selbst transparent über ihre Leistungsfähigkeit informieren können. „Bedauerlich ist, dass das Bundesgesundheitsministerium (BMG) den Vertrag zur Einbindung des Verzeichnisses auf seinen Seiten gekündigt hat. Es hat dort über lange Zeit Patientinnen und Patienten bei der Suche nach dem geeigneten Krankenhaus geholfen“, erklärt der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß. Diese Transparenz sei jetzt zumindest auf den Seiten des BMG verloren gegangenen. Das BMG will allerdings demnächst eine eigene Datenbank zugänglich machen. Ob damit Informationen für Patienten leichter zugänglich werden und verständlicher werden? Das Krankenhaus-Verzeichnis mit seiner Transparenzsuche leistet das zumindest bezogen auf Stichproben für den Rhein-Kreis nur begrenzt.

Das Fazit der Sprecherin der St.-Augustinus-Gruppe: „Während das Verzeichnis eine verbesserte Handhabung bietet, bleibt der inhaltliche Mehrwert für Patienten ohne tiefer gehende Beratung oder Fachkenntnisse begrenzt.“ Dazu allerdings rät auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft selbst: Die Datenbank sei ergänzend zu einem Gespräch mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt zu verwenden. Für die Zukunft ist zudem angekündigt, dass weitere Daten ins Krankenhaus-Verzeichnis aufgenommen werden, etwa die Standorte zertifizierter medizinischer Zentren.

Mit Blick auf den derzeitigen Stand der Datenbank fällt auch das Urteil im Rheinland Klinikum kritisch aus: „Es gibt auf dem Portal grundsätzlich viele Kennzahlen, die zwar strukturelle Qualität darstellen, die Ergebnisse ermöglichen jedoch keine direkte Bewertung der Versorgungsqualität.“ Außerdem seien Entwicklungen, wie beispielsweise Veränderungen des medizinischen Angebots, nur mit Verzögerung ersichtlich: „Dies ist teilweise für die akute Suche nach einem geeigneten Behandler suboptimal.“

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