Romeo und Julia beim Shakespeare-Festival in Neuss Ein Miteinander ist möglich

Neuss · Palästinensische und israelische Schauspieler traten zusammen im Globe-Theater auf. Das gemeinsame Ensemble vom Arab-Hebrew Theatre Jaffa zeigte „Romeo und Julia“.

 Das Shakespeare-Festival hat in Neuss schon Tradition.

Das Shakespeare-Festival hat in Neuss schon Tradition.

Foto: Christoph Krey

Ein grandioses Gastspiel des Arab-Hebrew Theatre Jaffa bot das Shakespeare Festival am Samstag im überaus gut besetzten, wenn auch nicht ausverkauften Globe-Theater. „Romeo und Julia“, die klassische Tragödie von Shakespeare, stand auf dem Spielplan. Aber es war eine ganz ungewöhnliche Inszenierung. Regisseur Dori Engel holte sie aus dem 16. Jahrhundert ins Jetzt. Sein Ensemble verbindet israelische und palästinensische Schauspieler. In Shakespeares Tragödie sind es zwei verfeindete Familien in Verona, die das junge Liebespaar in den Selbsttod treiben. In der Version aus Jaffa spielen Palästinenser die Familie des Romeo und Juden die Familie der Julia – und sprechen in jeweils ihrer Sprache. Die Protagonisten treten in Alltagskleidung auf, inklusive Militäruniform samt Maschinengewehr. Der israelisch-palästinensische Konflikt wird vehement spürbar, das Stück erhält dadurch eine Wucht, die fiktive verfeindete Patrizierfamilien so nicht bewirken können.

Vor Beginn des Spiels steht eine einzige Barriere in der Mitte der Bühne. Solche Straßensperren stehen für das Trennende. Das Stück wird ohne Pause temporeich durchgespielt. Erzählt wird vom Ende her, indem der Mönch vom unglücklichen Ende der beiden Liebenden berichtet. Diese Szene wird als ein brutales Verhör mit vorgehaltener Pistole dargestellt. Das Arab-Hebrew Theatre Jaffa ist auch in Israel eine Ausnahmeerscheinung. Das Ensemble lebt ein Miteinander auf Augenhöhe vor. Intelligent und witzig werden auch die Konflikte eines solchen Zusammenspiels thematisiert. Als es an Julias Balkon zum Kuss kommen soll, fällt Romeo (Mohammad Kundos) aus seiner Rolle und richtet sich – auf Englisch – ans Publikum: „Entschuldigung, ich kann das nicht tun.“ Julia (Yuval Kresel) nimmt‘s gelassen, bleibt in ihrer Liebe und ihrer Rolle unerschütterlich. In Jeans-Anzug wirkt sie nicht wie eine Ikone der romantischen Liebe, sondern wie die Frau von nebenan. Eran Boehm (Capulet) und Irit Natan Denedek (Lady Capulet) könnten als jüdisches Paar einer TV-Serie entsprungen sein. Am Ende applaudierte das Publikum begeistert im Stehen.

Was dann folgte, war ein besonderer Epilog. Eine kleine Podiumsrunde wurde von der ZDF-Redakteurin Nicola Albrecht, die von 2014 bis 2020 das ZDF-Studio in Tel Aviv leitete, moderiert. Regisseur Dori Engel, Romeo-Darsteller Mohammad Kundos und Theaterleiter Yigal Ezrati machten deutlich, wie wichtig es ist, unterschiedliche Narrative kennenzulernen und gegenseitiges Verständnis zu gewinnen. „Romeos Appell“ am Ende: Kein Platz für Gewalt, sondern für Dialog.

(brh)
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