1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Scottish Dance Theatre bei den Internationalen Tanzwochen

Internationale Tanzwochen Neuss : Tanz voller Kontraste und wenig Ästhetik

Viel Zuschauer konnten mit der Aufführung des Scottish Dance Theatre bei den Tanzwochen nichts anfangen.

Sie schlagen Brücken wie Akrobaten und werfen sich von hoch oben in den Spagat. Sie rennen, zappeln und hüpfen über die Bühne. Mit ihren wilden Verrenkungen erinnern die Tänzer an Marionetten, die sich an unsichtbaren Fäden verheddert haben. Bei „Dreamers“ kommen die Augen kaum mit, während sich die Ohren an der wohltuenden Musik von Bach, Verdi, Haydn, Vanhal und Chopin laben. So kontrastreich beginnt das Gastspiel des Scottish Dance Theatres, das seit über 30 Jahren für seine kühnen, experimentellen Choreografien auf der ganzen Welt gefeiert wird. Bei den Internationalen Tanzwochen Neuss stellte das Ensemble zwei große Werke vor: „Dreamers“ (30 Minuten) von Anton Lachky und „Process Day“ (41 Minuten) von Sharon Eyal.

Der gebürtige Slowake Lachky schuf seine Choreografie 2015. Bei „Dreamers“ scheinen sich die Körper der Tänzer jeglicher Kontrolle zu entziehen. Der eigenwillige Tanzstil und die klassische Musik bilden einen reizvollen Gegensatz. In einer Abfolge von Szenen. Mal stürmisch, mal still, baut sich ein Spannungsbogen auf. Denn in jeder Szene gibt es einen Protagonisten, der die Truppe dominiert und den Stab an einen anderen weitergibt – der dann seinerseits die Puppen tanzen lässt. Im roten Gewand trumpft eine selbstbewusste Tänzerin wie eine Herrscherin auf. Eine zweite schwebt im schwingenden grünen Kleid durch die Luft, so leicht und schwerelos wie eine Feder.

  • „Dreamers“ des Scottish Dance Theater. ⇥Foto:
    Internationale Tanzwochen Neuss : Das Scottisch Dance Theatre aus Dundee gastiert zum ersten Mal in der Stadthalle
  • Das Bundesjugendballett kommt unter anderem mit
    Programm der neuen Tanzwochen-Saison in Neuss : Tanz zu Musik aus allen Epochen
  • Die Einladungskarte ziert ein Foto von
    Ausstellung in Neuss : Fotografien vom Hafen im Rathaus

Was ist real, was surreal in diesem flirrenden Spiel? Wo könnte der Traum in einen Albtraum kippen? Bei „Dreamers“ wird die eigene Phantasie herausgekitzelt und tanzt mit. Wohl aber schnappt man der Pause kontroverse Diskussionen zu dieser Darbietung auf. Da ahnen die Zuschauer noch nicht, was sie danach erwartet.

Mit „Process Day“ von 2016 verweigert sich die israelische Choreografin Sharon Eyal jeglichem Streben nach oberflächlicher Gefälligkeit. Das Stück setzt mit hämmernden Rhythmen ein, die mit der Zeit anschwellen. Sie bohren sich ins Gehör und nisten sich dort ein, ob man will oder nicht. Für manche Zuschauer erweist sich die Kombination der Elektro Beats von Ori Lichtig mit der permanenten Düsternis auf der Bühne und dem schwer zu entschlüsselnden Tanz als unbekömmlich. So viele verließen bei den Tanzwochen wohl noch nie eine Vorführung.

Andere entdeckten gerade in diesem sperrigen Stück eine staunenswerte Suggestivkraft. Bei denen, die sich darauf einließen, wurden mannigfaltige Assoziationen wach. An Maschinenmenschen, die roboterartig ihr Tagewerk verrichten. Oder an Chaplins „Moderne Zeiten“. Allerdings wurde die Wahrnehmung der androgynen Gestalten und ihrer minimalistischen Bewegungen durch die Dunkelheit erschwert. Nur hin und wieder tastete sich ein Paar oder eine Gruppe aus dieser Umhüllung hervor und schob sich ins Licht.

Die Perfektion des Scottish Dance Theatres ist unumstritten. Dennoch lässt „Process Day“ nicht wenige im Saal erschöpft und ratlos zurück. Zu viel Programmatik, zu wenig Ästhetik. Grenzen auszuloten, ist im Tanztheater legitim. Auch ein forderndes und strapaziöses Stück darf einem kundigen Publikum durchaus zugemutet werden. Wenn sich aber selbst unter den verlässlichen und begeisterungsfähigen Neusser Stammzuschauern spürbare Ungeduld ausbreitet, dürfte das kein allzu gutes Zeichen sein. Regina Goldlücke