Marionettentheater in Rosellen Große Leidenschaft für kleines Theater

Neuss · In seinem Haus in Neuss-Rosellen führt Rainer Meusel im selbst gebauten Marionettentheater seines Vaters Märchen auf. Auch seinen Enkel Mats konnte er für das Puppenspiel begeistern. Was macht ihre Faszination aus?

Neuss: Fotos vom Marionettentheater aus Rosellen
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Diese Familie aus Neuss-Rosellen teilt die Liebe zum Puppentheater

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Foto: Georg Salzburg (salz)

Als der edle Prinz Löwenherz endlich den bösen Zauberer Abuzal besiegt hat, blitzt und donnert es. Nebel zieht auf. Dann schließt sich der orangefarbene Samtvorhang. Die Bühne, auf der diese Szene aus dem Stück „Die Lotusblume“ aufgeführt wird, befindet sich in der Durchgangstür im Wohnzimmer der Meusels in Neuss-Rosellen. Sie ist nicht größer als ein 50-Zoll-Fernseher – und die Akteure hängen an Nylonfäden.

„Früher waren das noch einzelne Drahtfäden“, erklärt Rainer Meusel (86) zu seinen handgefertigten Marionetten. Heute werden die Puppen mit mehreren Nylonfäden geführt. So sind sie beweglicher, können sich aber auch leichter verheddern. „Wenn das während der Aufführung passiert, ist das natürlich die große Katastrophe“, bemerkt Meusel schmunzelnd.

Die Liebe für das Puppenspiel begleitet ihn schon seit Kindertagen. Im Oktober 1941 führt der damals Fünfjährige auf der Vortreppe seines Elternhauses in Naumburg ein Kasperpuppenspiel für die Nachbarskinder auf. Das bringt seine Eltern auf die Idee, ein richtiges kleines Puppentheater zu bauen. Mit großem handwerklichen Geschick fertigt sein Vater eine Drehbühne aus Holz mit handgemalten Szenenbildern an. Sie können ausgewechselt und sogar beleuchtet werden. Die Marionetten stellt seine Mutter aus Stoff und Wollresten her, die Köpfe der Figuren formt der Vater aus Gips. „All diese Materialien waren im Krieg natürlich knapp“, erklärt Meusel. Im Sommer 1942 ist es soweit: Das Märchen „Dornröschen“ erlebt seine Uraufführung, aufgebaut im Türrahmen ihrer Wohnung am Georgenberg in seiner Heimatstadt. Das Publikum besteht aus Rainer Meusel, seinem Bruder und Kindern aus dem Ort. Meusel erinnert sich nicht mehr genau an die Premiere. Aber die Details sind in dem großen braunen Theaterbuch festgehalten, das sein Vater der Mutter 1944 zu Weihnachten geschenkt hat. Nach dessen Tod 1947 führt Meusels Mutter das Theater fort. Als amerikanische Besetzer in ihr Haus eindringen, werden Teile des Theaters zerstört. Rainer Meusel rekonstruiert sie in mühevoller Kleinarbeit mit Hilfe des Theaterbuchs. Als die Familie 1956 nach Westdeutschland zieht, muss Meusel erneut Hand anlegen: Holzwürmer haben sich durch die Bühnenteile gefressen.

Rainer Meusel und sein Enkel Mats präsentieren ihre Marionetten vor der Theaterbühne. Die Liebe zum Puppentheater hat Rainer Meusel schon als Fünfjähriger entdeckt.

Rainer Meusel und sein Enkel Mats präsentieren ihre Marionetten vor der Theaterbühne. Die Liebe zum Puppentheater hat Rainer Meusel schon als Fünfjähriger entdeckt.

Foto: Georg Salzburg (salz)
 Die Puppe des Königs kommt im Märchen „Die Lotusblume“ zum Einsatz.

Die Puppe des Königs kommt im Märchen „Die Lotusblume“ zum Einsatz.

Foto: Georg Salzburg (salz)

Noch heute führt Meusel mit seinen Marionetten Märchen für Familie und Bekannte auf, zusammen mit seinem neunjährigen Enkel Mats, der die Leidenschaft seines Großvaters teilt. Zum ersten Mal hat er dessen Puppentheater an seinem vierten Geburtstag erlebt. Damals als Zuschauer, heute steht Mats selbst hinter der Bühne und ist schon ein richtiger Marionetten-Profi: „Besonders das Einfädeln der Figuren am Spielkreuz ist eine Wahnsinnsarbeit“, erklärt er fachmännisch. Mats begeistern vor allem die vielfältigen Rollen, in die er beim Marionettentheater schlüpfen kann: „Man kann so viel sein: Puppenspieler, Techniker, Schauspieler und Sprecher.“ Sogar eigene Marionetten hat er schon gebaut. Und bei einem Workshop in Salzburg einen Blick hinter die Kulissen eines anderen Puppentheaters geworfen. Sein Großvater ist froh, in Mats einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben: „Ich weiß, dass er das Theater eines Tages fortführen wird“, erklärt er stolz. Am Samstag stehen beide wieder zusammen hinter der Bühne. Aufgeführt wird „Die Lotusblume“. Das Märchen in Versform hat Rainer Meusels Vater geschrieben. Zu Gast sind Mats Klassenkameraden. Mats freut sich auf die Aufführung, ist aber auch etwas aufgeregt: „Als Marionettenspieler sieht man zum Glück nur den Boden, aber nicht die Leute vor der Bühne.“