1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Ratsprotolle aus vier Jahrhunderten werden digitalisiert

Projekt zur Stadtgeschichte in Neuss : Blick auf vier Jahrhunderte pralles Leben

Handgeschriebene Ratsprotokolle aus vier Jahrhunderten warten darauf, entschlüsselt zu werden. Dabei kann dem Archiv auch jeder interessierte Neusser helfen. Start ist im Juli. So können Sie dabei sein.

Jahrhundertelang mühten sich die Stadtschreiber mit Gänsekiel und Griffel, die Beschlüsse des Rates handschriftlich zu dokumentieren. Und obwohl sich alle Amtsträger in den Jahren zwischen 1530 und 1930 sicher eine gute Note im Fach Schönschrift verdient hätten, sind ihre Ratsprotokolle für Menschen heutzutage trotzdem kaum zu entziffern.

 Auf der ersten Seite des ältesten Ratsprotokolls aus dem Jahr 1530 hält Stadtschreiber und Notar Heinrich (Broder) fest: „(Ich schwöre) truwe ind hold ze sin, minen dientz  truwetlich ind vroemlich, as einen eirbaren diener zobehoiret, zu verwaeren, ind zo wes ich in dem rayde ader sust andrs van heymlichkeit ind privilegien des stat Nuysse of anders hoeren ader vernimmen, neit zo melden, noch eyniche copien van privilegien of anders ufzucopieren ind die nemantz zo geven buyssen sunderlich bevell myner herren.“
Auf der ersten Seite des ältesten Ratsprotokolls aus dem Jahr 1530 hält Stadtschreiber und Notar Heinrich (Broder) fest: „(Ich schwöre) truwe ind hold ze sin, minen dientz  truwetlich ind vroemlich, as einen eirbaren diener zobehoiret, zu verwaeren, ind zo wes ich in dem rayde ader sust andrs van heymlichkeit ind privilegien des stat Nuysse of anders hoeren ader vernimmen, neit zo melden, noch eyniche copien van privilegien of anders ufzucopieren ind die nemantz zo geven buyssen sunderlich bevell myner herren.“ Foto: Stadtarchiv Neuss

Das will das Stadtarchiv ändern und startet – mit 43.000 Euro aus dem Förderprogramm „WissensWandel“ des Bundes – ein auf Jahre angelegtes Projekt, um diesen Schatz zu heben. „Consilium Communis“ (Öffentlicher Rat) heißt das Unternehmen zur Digitalisierung und zur Transkription der fast vollständig erhaltenen Ratsprotokolle aus vier Jahrhunderten. An dem kann jeder Interessierte mitwirken. Schulung und Einarbeitung werden sichergestellt, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich – schaden aber auch nicht.

In den Ratsprotokollen finde man „das pralle Leben“, versichert Stadtarchivar Jens Metzdorf. Doch weil das hinter den Schwüngen und Schnörkeln alter Handschriften regelrecht verschwindet, bleibt es dem interessierten Laien verborgen. Und auch schriftenkundigere Profis der Geschichtswissenschaften machen offenbar gerne einen Bogen um Quellen, die sie sich erst mühsam erschließen müssen. Das lässt Lücken in der Forschung entstehen. „Seit 1975 ist mit den Ratsprotokollen kaum noch gearbeitet worden“, sagt Metzdorf bedauernd.

  • Aktionstag am 18. Juni : Was Neuss am „Digital-Tag“ bietet
  • Industrie und Gewerbe in Neuss : Starker Standort im Neusser Süden
  • Johannes Schmid reichte bei Jugend musiziert
    Jugend musiziert : Neusser erhält ersten Preis bei Bundeswettbewerb

Ratsprotokolle bilden Beschlüsse ab, die – umgesetzt – in der Stadt immer ihren Niederschlag fanden. Sie sind deshalb für die Kulturdezernentin Christiane Zangs bis in die Gegenwart „wichtigste Quelle der Demokratie“. In vordemokratischen Zeiten manifestiert sich ihn ihnen der Wille einer immer selbstbewusster auftretenden städtischen Bürgerschaft, „sich gegenüber ihrem Landesherren freizustrampeln“, ergänzt Metzdorf. Die Neusser wollten ihre Angelegenheiten selber regeln: Nicht mehr und nicht weniger zeigt jeder Eintrag auf den rund 30.000 Seiten. Sie sind, wie es Annekatrin Schaller als Projektverantwortliche im Stadtarchiv betont, „geronnene Stadtgeschichte“.

Die ist seit 1530 überliefert. Den Anfang macht der Stadtschreiber und Notar Heinrich (Broder), der 15 Jahre im Amt war. Er schwört in seinen ersten Zeilen, seine Arbeit treulich und als ehrbarer Diener zu versehen, verschwiegen zu sein und auch keine Kopien anzufertigen und zu verbreiten. „Truwe ind hold zo sin“, beginnt der Schwur. Das bringt den ehemaligen Deutschlehrer Reinhold Mohr, der als Ehrenamtlicher an der Digitalisierung mitwirkt, auf einen anderen Gedanken: „Das müsste noch in moderne Sprache übersetzt werden.“

Das wird das Projekt zunächst nicht leisten können. Zunächst müssen die Schriften entziffert werden und können höchstens noch mit einigen Anmerkungen etwa zu Orten oder handelnden Personen ergänzt werden. Damit das Entziffern kein Jahrhundertwerk wird, soll eine lernfähige Transkriptions-Software helfen. Sie kann man mit entschlüsselten Buchstaben „füttern“, so dass die Technik diese später alleine erkennt und Wörter von sich aus zusammensetzt. Das allerdings müss für jeden Stadtschreiber einzeln erfolgen und kann nicht ohne Kontrolle verbreitet werden. Diese Software und eine Internetplattform zu schaffen, auf die die Dechiffrierer von daheim aus auf Texte zugreifen können, wird ab Juli Teil eins von „Consilium Communis“ sein.