Neuss: Premiere im Theater am Schlachthof

Aufführung im Theater am Schlachthof in Neuss: Ein Stück, das sich gewaschen hat

„Die mittlere Lebenserwartung von Waschmaschinen“ feierte deutsche Premiere.

„Die mittlere Lebenserwartung von Waschmaschinen“ von der rumänischen Autorin Elise Wilk ist schockierend trostlos. Aber auch lustig. So wie eine „Dramödie“ nun mal ist. Die Premiere am Freitagabend im Theater am Schlachthof war eine deutschsprachige Erstaufführung. Deshalb waren auch die Autorin, die Verlegerin Marianne Terplan und die Übersetzerin Dete von Ferber unter den Zuschauern.

Das Bühnenbild von Markus Andrae ist spartanisch, aber, wie sich erst im Laufe der Aufführung herausstellen wird, vielsagend: Im Mittelpunkt steht eine alte Waschmaschine, die von jetzt auf gleich den Geist aufgibt – und damit die Trostlosigkeit aufdeckt, die in einer Familie herrscht. Drei Podeste, gleichmäßig auf der Bühne verteilt, wirken wie Inseln – sie versinnbildlichen, in welchem Verhältnis Vater, Mutter und Tochter zueinander stehen: Jeder hat seine eigenen Träume, vor allem der Traum des Vaters ist unerreichbar: Der antriebslos wirkende Langzeitarbeitslose Georg wird von Daniel Cerman auf ideale Weise verkörpert. Nur wenn er in den Medien von seinem Idol Nena hört, kommt Leben in den schlaffen Körper.

Die Mutter und Ehefrau (Karolin Stern) ist eine Nervensäge, die gemein sein kann, neugierig, sie ist aber eine vielschichtige Persönlichkeit, die sich für den niedrigen sozialen Status schämt. Die frühere Arbeiterin, die Särge für Haustiere fertigt und über’s Internet vertreibt, flüchtet in die heile Traumwelt „Teleshopping“. Die Werbebotschaften verinnerlicht sie so sehr, dass sie sie für bare Münze nimmt. Immer dann nimmt die ansonsten hartherzig wirkende Frau annähernd menschliche Züge an, wenn sie von den Produkten schwärmt, die sie sich hat aufschwatzen lassen wie zum Beispiel eine Eule, die Glück und Erfolg bringen soll. Oder die Zahnbürste mit Radio. Oder die „magische Pfanne“ mit integriertem Wecker.

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Die Tochter (Monika Sobetzko) kann man zunächst noch für total normal halten. Erst als sie ihre große Leidenschaft offenbart – sie fängt gerne Fliegen und sammelt sie in einem großen Glas – wird klar, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Immerhin hat sie eine sehr reale Aussicht auf Glück: Die 25-Jährige hat ein Verhältnis mit einem Familienvater aus dem zweiten Stock. Ihr Vater, eigentlich ein Faulpelz, näht in Heimarbeit Augen auf Stofffische, um sich den Nena-Auftritt in Berlin anschauen zu können. Als er weg ist, vermisst ihn seine Frau prompt – die Zuschauer erleben mehr als einmal ein Wechselbad der Gefühle. Sie wissen, dass das Trio nicht miteinander klar kommt und dürften ahnen, dass sie auch alleine verloren sind. Jeder steht auf seiner Insel, die Frau und Mutter in der Mitte, immer verbale Giftpfeile abschießend – und doch auch Fürsorglichkeit durchblicken lassend.

Karolin Stern steht in „Die mittlere Lebenserwartung von Waschmaschinen“ auf der Bühne. Foto: Jagna Witkowski/Jagna Witkowskijagna@gmx.de

In der Originalfassung schwärmt der Ehemann und Vater übrigens für Madonna, die einmal in Rumänien hatte auftreten sollen. Dass die „Dramödie“ aus einem Land mit einem sehr niedrigen Lebensstandard kommt, merkt man daran, dass es der Familie binnen eines Jahres finanziell nicht möglich ist, sich eine neue Waschmaschine zu kaufen. Wenn Träume wirklich zerplatzen könnten, wäre im Theater am Schlachthof zweimal ein ganz lauter Knall zu hören gewesen: Einmal, als der Vater sich unter’s Publikum mischt mit einem Pflaster auf der Nase: Nenas Bodyguards haben ihn ausgebremst. Aber er schafft eine neue Waschmaschine herbei – ein Indiz, dass er die Beziehung weiterführen möchte. Die Tochter kommt wenig später – desillusioniert und hochschwanger. Dann  fällt der Vorhang. Das Lachen verhallt.

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