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Neuss: Polizeiermittler Ulrich Jacobs im Portrait

Jacobs gibt Einblicke in seinen Job : So arbeitet ein Neusser Ermittler

Ulrich Jacobs hat der „Pfefferspray-Bande“ und den „Brillen-Gangstern“ das Handwerk gelegt. Aktuell hat der Ermittler besonders mit falschen Polizisten zu kämpfen. Im Gespräch mit der NGZ gibt er Einblicke in seine Arbeit.

1,92 Meter Körperlänge. Basketballspieler-Schuhgröße. Schlossermeister-Händedruck. Schon allein rein physisch betrachtet könnte Ulrich Jacobs so manchen Verbrecher das Fürchten lehren. Seine entscheidende Waffe im Kampf gegen die Kriminalität ist aber der Kopf. Jacobs ist mit 53 Jahren ein „alter Hase“ im Polizei-Geschäft. Dienst bei der Schutzpolizei, Ermittlungen bei Todes- oder Vermisstenfällen, Rauschgift-Delikten oder Jugendkriminalität ziehen sich durch seine berufliche Laufbahn wie Jahresringe durch einen Baumstamm.

Mittlerweile ist Jacobs bei der Polizei im Rhein-Kreis Neuss Sachbearbeiter für Falschgeld und „Straftaten zum Nachteil für ältere Menschen“, wie es in gewohnt steifem Amtsdeutsch heißt. Verbrechen wie der „Enkeltrick“ sind damit gemeint. Jacobs „Kerngeschäft“ sind jedoch Ermittlungen bei schweren Raubüberfällen. Er und seine Kollegen legten einst der sogenannten „Pfefferspray-Bande“ das Handwerk, die für 51 – meist brutale – Raubüberfälle auf Banken und Baumärkte in NRW und Rheinland-Pfalz verantwortlich ist. Ihren Opfern jagten sie unter anderem mit scharfen Maschinenpistolen Angst ein und besprühten sie vor der Flucht mit Pfefferspray, was ihnen den bereits erwähnten Spitznamen einbrachte.

Zwei Besuche bei „Aktenzeichen XY... ungelöst“

Anderthalb Jahre sollte es dauern, bis die Täter dingfest gemacht werden konnten. Gleich zweimal gastierte Jacobs in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, um an neue Hinweise zu kommen. Umso befriedigender war es für ihn und seine Kollegen, als der Haupttäter zu vierzehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Doch nicht immer sind die Ermittlungen von Erfolg gekrönt. Es ärgert Jacobs immer, wenn der oder die Täter nicht zu kriegen sind – bei schweren Raubüberfällen jedoch besonders: „Da haben wir oft psychisch sehr betroffene Opfer. Man ist einfach froh, wenn man dem Täter ein Gesicht geben kann. Das ist für das Opfer wichtig, um damit abschließen zu können.“

Ein weiterer spektakulärer Fall in Jacobs Laufbahn: die „Brillen-Gangster“, die zwischen dem 29. Oktober 2014 und 14. April 2015 insgesamt 19 Überfälle in fünf Bundesländern begangen haben sollen. Die Räuber hatten mit Brille und Perücke verkleidet kleine Bankfilialen in Autobahnnähe heimgesucht. Auf die entscheidende Spur kamen die Ermittler durch eine DNA-Spur auf einer Mütze, die ein Handwerker auf der Ladefläche seines Lkw fand. Sie führte die „Ermittlungskommission Brille“, die Jacobs leitete, zu einem vorbestraften Bankräuber aus Mönchengladbach.

Wenn man Jacobs auf das Thema Krimis anspricht, muss er schmunzeln und antwortet: „Ich bin ein schlechter Krimi-Gucker.“ Schließlich kann er es nach all den Berufsjahren nicht verhindern, beim Schauen von „Tatort“ und Co. im Kopf einen Realitätsabgleich zu machen. „Meine Frau sagt immer: ,Wenn du weiter kommentierst, dann schalte ich um’“, erzählt er und lacht. Im Krimi seien viele Dinge unrealistisch dargestellt. „Aber würde man es so widergeben, wie es in Wirklichkeit ist, dann würde man mit der klassischen 90-Minuten-Länge bei Weitem nicht hinkommen“, sagt er.

Aber wie sieht der Arbeitsalltag eines Ermittlers wie Ulrich Jacobs eigentlich aus? Man nehme einen fiktiven Raubüberfall auf eine Tankstelle. Ein Streifenwagen der Polizei ist als erstes vor Ort und sichert den Tatort. „Dann kommen schon wir“, sagt Jacobs, der sich zunächst ein Bild vom Tatort macht. Ein Fragenkatalog spult sich dann wie von allein in seinem Kopf ab: Sind Spuren vorhanden? Wer ist geschädigt? Gibt es Zeugen oder Videoaufnahmen? Wie ist der Fluchtweg des Täters? Danach gilt es, Spuren auszuwerten,. Auch Zeugen- oder Geschädigtenvernehmungen stehen an. Wurde am Tatort tatsächlich ein DNA-Muster gefunden, wird es mit der Datenbank abgeglichen. Zu viele Kniffe, wie es den Experten gelingt, den Tätern auf die Spur zu kommen, darf Jacobs natürlich nicht verraten. Da verhält es sich wohl wie mit dem Magier und seinen Zaubertricks.

Auch nach all den Jahren hat der Job für Jacobs nie an Reiz verloren. „Jeder Fall ist anders“, sagt er. Man müsse jedes Mal neu denken, neu bewerten, sich selbst überprüfen und die Fantasie spielen lassen. Es sei „eine breite Palette, die man in seinem täglichen Schaffen zu bedienen hat“. Relativ schnell stünde er nach einem Verbrechen in Kontakt mit den Staatsanwälten. Es sei mit der erste Anruf, den er tätige, wenn er vom Tatort zurück kommt. Schließlich könne nur der Staatsanwalt unter anderem Durchsuchungen beantragen – und gegebenenfalls später auch die Anklage schreiben, wenn es denn dazu kommt.

Die Zahl der Verurteilungen bei Betrugsdelikten kann Jacobs nicht zufriedenstellen. Aktuell haben er und seine Kollegen es häufig mit falschen Polizisten zu tun. „Da werden wir überschwemmt“, sagt er. Die Masche der Täter ist so dreist wie effektiv: Im Verlauf eines Telefongesprächs fragen sie ihre meist älteren Opfer nach Wertgegenständen und Geld in der Wohnung. Dann bietet der falsche Beamte an, die Wertgegenstände sicher bei der Polizei zu verwahren. Dafür würde ein Kollege vorbeikommen und diese abholen. Die anrufende Nummer endet zum Teil auf „110“ und soll so den Anschein eines offiziellen Behördenanrufs erwecken.

Das Problem: Meist können nur Telekommunikationsspuren ausgewertet werden. Und die führen in den seltensten Fällen zu den Tätern. Zumal die meist professionell organisierten Banden laut Jacobs oft von türkischen Call-Centern aus anrufen. „Da ist man relativ schnell am Ende, oftmals sind wir da zweiter Sieger“, so der Ermittler. Der Umgang mit Frust und Rückschlägen gehört zu seinem Job eben dazu. Da ist ein „dickes Fell“ unumgänglich. Das hat er sich vor allem in den Todesermittlungen angeeignet, in die er sieben Jahre lang involviert war. Bislang sei es ihm gut gelungen, sich die Fälle nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. „ Man muss Berufliches und Privates trennen. Wenn ich die Fälle ,mit nach Hause’ nehmen würde, wäre ich falsch in diesem Job.“