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Trio tritt im Neusser Kulturkeller auf Pakistanische Prinzessinnen und elysische Ekstase

Neuss · Das Trio Meher Angez geht im letzten Acoustic Concert im Neusser Kulturkeller auf interreligiöse Tuchfühlung. Am Ende gab es verhaltenen Applaus.

 Meher Angez kommt aus Pakistan und brachte Sufi-Musik nach Neuss.

Meher Angez kommt aus Pakistan und brachte Sufi-Musik nach Neuss.

Foto: Meher Angez Trio

Lila Licht leuchtet auf die kleine Bühne des voll besetzten Neusser Gewölbekellers, als die Göttin des Sufi-Gesangs, Meher Angez, und ihre Begleiterinnen, die professionelle Tabla-Spielerin Durr-E-Adan und Ambareen auf der Charda, sich im Schneidersitz niederlassen. Angez gilt als die erste und weltweit bestbekannte Sufi-Sängerin der Region Gilgit-Baltistan, einem Gebiet, das durch seine geografische Position bis heute politische Bedrohungen ausgesetzt ist. Die Ginans sind Andachtshymnen, die ursprünglich von schiitischen Ismailiten rezitiert werden. Sie sollen weltumfassend wirken und kosmologische Grenzen sprengen.

Die Botschaft des weiblichen Trios ist also mehr als nur mystische Mission oder spirituelle Virtuosität. Angez‘ Gesang ist sowohl Herzensnahrung als auch poetische Propaganda gegen Hass unter den Völkern. Gerade in Zeiten politischer Krisen ist dies ein frommer Wunsch und auch eine problematische Konfrontation des Publikums mit einem unvertrauten Klangkosmos, dessen meditative Ausrichtung ekstatische Dimensionen tangiert. Äußerlich erinnert das Trio mit Angez im seidenen Schleiergewand nicht nur an Goethes „Suleika“, sondern auch an die Prinzessinnen aus „Tausendundeine Nacht“, wenn sie mit Lauten, Trommeln und funkelndem Kopfschmuck den Gesang begleiten.

Zwar wird auf die meditative Geschlossenheit der Gesänge hingewiesen, die Applaus zwischen den Vorträgen nicht gut vertragen, gleichwohl sind die religiösen Klangrezitationen nicht nur von stiller Seelenbesänftigung und gereinigter Sinnlichkeit, sondern auch von impulsiver und obsessiver Exzentrizität durchsetzt. Dann schlägt Angez’ Stimme auch schon mal um ins forciert Schrille, als wolle sie ein bedrohtes Paradies verteidigen. Auch die komplexe rhythmische Dominanz der Begleitinstrumente wirkt in ihrer lautstarken Monotonie mitunter ermüdend.

Und doch gelingt es dem Ensemble, den Schleier, der die akustische Gebetsästhetik von der transzendenten Unendlichkeit trennt, so anzuheben, dass sich die Urwelt des Guten erahnen lässt. Interreligiöse Harmonie und vorurteilsfreier Glaube, wie ihn schon Lessing in seinem Drama „Nathan der Weise“ fordert, werden durch die drei Repräsentantinnen des Sufi-Gesangs zu Garanten seelischer Sicherheit und interkultureller Stabilität erhoben. Spätestens aber, wenn sich Blicke auf Armbanduhren senken, sich die Bierflaschen leeren und im Weinglas kein Tropfen mehr bleibt, sind die akustischen Grenzen des Publikums erreicht.

Verhaltener Applaus am Ende einer religiösen Reise in Grenzbereiche ethischer Wunschvorstellungen: „Gleichheit aller Menschen“. Ist die Schillersche „Ode an die Freude“, die in Beethovens 9. Sinfonie um eine utopische Wirklichkeit ringt, vielleicht doch noch zu retten?

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