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Neuss: "Orgelsommer" in St. Quirin

Orgelfestival in Neuss : Der „Orgelsommer“ in der Quirinusbasilika feiert Louis Vierne

Ansgar Wallenhorst und Burkhard Ascherl waren die ersten Organisten, die Münsterkantor Joachim Neugart eingeladen hat. Gereon Krahforst folgt.

„Vive Louis Vierne!“ hatte Münsterkantor Joachim Neugart seinen vier Kollegen zugerufen, die mit ihm die fünf Konzerte des diesjährigen Orgelsommers in der Quirinusbasilika gestalten. Vierne (1870 – 1937), der letzte große spätromantische Orgelkomponist Frankreichs, ist vor 150 Jahren in Poitiers geboren. Nach seinen Studien bei César Franck und Charles-Marie Widor wurde er 1900 Organist an der Kathedrale Notre Dame de Paris und blieb es bis zu seinem Tode. Dort hatte er die große Klangfülle der 1868 von Aristide Cavaillé-Col gebauten Orgel mit 117 Registern zur Verfügung, die für seine Werke stilbildend sein sollten: Er führte die Orgelsinfonie zu ihrem stilistischen Höhepunkt.

Nun wollte Joachim Neugart beim Neusser Orgelsommer auch zeigen, dass die kleinere romantische Seifert-Orgel mit 83 Registern in der Basilika vollkommen in der Lage ist, Vierne-Werke anspruchsvoll zu präsentieren. Er konnte für das erste Konzert keinen Besseren einladen als den Konzertorganisten Ansgar Wallenhorst aus Ratingen. Den Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und Begründer der „Orgelwelten Ratingen“, einem Zentrum im Herzen des Kulturraumes Rhein-Ruhr, verbindet spätestens seit seinem Studium der Theologie in Paris eine enge Beziehung zu Notre Dame.

Das Neusser Konzert wollte er auch als Benefizkonzert für die im vergangenen Jahr durch einen Brand schwer beschädigte Kathedrale verstanden wissen. Mit „Cathédrales“ aus Viernes „Pièces de Fantaisie“ wies er auf die Großartigkeit bedeutender Kathedralen hin. Zwischen archaische Akkorde drängt sich im Pedal ein Glockengeläut, die mächtige Struktur weicht einem stillen Choral.

Auf Neugarts Idee, die vielen und eindrucksvollen Farben auch der Neusser Orgel vorzustellen, ging Wallenhorst mit vitalem Leben ein. Geradezu ein Denkmal war, dass der Organist Viernes „Stèle pour un enfant défund“ aus den drei Konzertstücken für große Orgel „Tryptychon“ spielte, denn Louis Vierne starb am 2. Juni 1937 Momente, nachdem er dieses Stück gespielt hatte, auf der Orgelbank an einem Gehirnschlag.

Nach den beiden begeisternden letzten Sätzen der „5. Symphonie a-Moll“ zeigte Ansgar Wallenhorst in einer Improvisation nochmals seine Verbundenheit mit dem französischen Orgelmeister. Er improvisierte über ein Thema aus Viernes einzigem Streichquartett und zitierte den gregorianischen Hymnus „Salve Regina“: Das stand nach dem Tryptychon auch auf Viernes Programm, wodurch es durch seinen plötzlichen Tod nicht mehr kam. Wallenhorst erinnerte mit himmlischen Klängen daran. Das erschöpfte sich zwar mit zunehmender Dauer, ein Viernesches Finale sorgte aber für viel Applaus.

Das zweite Konzert stellte Neuss erstmals Burkhard Ascherl vor. Seit 1993 ist er Stadtkantor in Bad Kissingen und künstlerischer Leiter des „Bad Kissinger Orgelzyklus“. Er begann fast mit Trauermusik, nämlich der „Fantasie f-Moll“ (KV 608), von Wolfgang Amadeus Mozart für „eine Uhr“ geschrieben.

Das geniale Stück läßt sich nur auf einer großen Orgel oder Klavier veirhändig spielen. Weitaus reizvoller waren aber die sieben Variationen zu „Aalaikissalaam“ (Friede sei mit dir), zu denen sich der 1955 in Beirut geborene Komponist Naji Hakim durch die Kriegswirren in seinem Heimatland im Sommer 2006 inspirieren ließ.

Abwechslungsreiche Variationen (Marsch, Habanera) werden durch eine freudige Coda beschlossen, die Hoffnung auf Frieden macht. Über ein wunderbar mit Oboe und Klarinette registriertes „Cantabile“ von César Franck kam auch Burkhard Ascherl zu Vierne und seiner „6. Orgelsymphonie h-Moll“. Er spielte die letzten drei der fünf Sätze, die im „Final“ mit einem der ausgelassensten Stücke Viernes überhaupt (in Rondoform) endet. Über langgezogenem Triller glänzen brillante Schlussläufe, die ebenso gespielt wurden. Voilà Vierne!

Info Sonntag(16.), 20 Uhr: Peter van de Velde kann wegen der Pandemie nicht einreisen. Für ihn spielt Gereon Krahforst, Organist an der Abteikirche Maria Laach.