Neuss: Operation mit Bleischürze und Strahlenkappe

Gefahren für medizinisches Personal: Mit Bleischürze und Strahlenkappe

Im Herzkatheterlabor sind Mediziner und Assistenten besonderen Gefahren ausgesetzt. Schließlich ist die Strahlenbelastung für das Personal erhöht – darum ist allerhand Schutzkleidung gefragt.

Die knapp zehn Kilogramm schwere Bleischürze ist obligatorisch, wenn Prof. Michael Haude, Leiter der Medizinischen Klinik I am Neusser Lukaskrankenhaus, und seine Kollegen ihren Arbeitsplatz betreten. Denn im Herzkatheterlabor sind Mediziner und Assistenten, die im Dienst der Gesundheit arbeiten, besonderen Gefahren ausgesetzt. Da eine Röntgen-Durchleuchtung Bestandteil der meisten diagnostischen und minimal-invasiven Herzkatheteruntersuchungen ist, ist die Strahlenbelastung für das medizinische Personal erhöht. Das gilt auch für den Bereich der interventionellen Gefäßmedizin oder Neuroradiologie.

Um sich vor den Röntgenstrahlen zu schützen, genügt aber nicht nur die massive Mantelschürze, die Brustkorb und Beine bedeckt. „Die Schilddrüse ist besonders sensibel“, so Chefarzt Haude. Deshalb tragen er und seine Kollegen einen bleiummantelten Schilddrüsenkragen. „Außerdem setzen wir eine Brille auf. Sie ähnelt einer kleinen Ski-Brille, ist aber deutlich schwerer, weil sie aus Bleiglas besteht“, erklärt Haude.

Seit einiger Zeit trägt das Personal im Herzkatheter ein weiteres Kleidungsstück: eine Kopfhaube, die durch ihre Bleiummantelung vor der Strahlenexposition schützen soll. Es gebe vereinzelte Fälle, bei denen Kollegen einen Hirntumor auf der linken Kopfseite entwickelt haben, erläutert Haude. „Wir stehen ja immer rechts vom Patienten, die Strahlenquelle ist in den allermeisten Fällen links von uns.“ Bis vor etwa zwei Jahren wurde der Kopf des Operateurs nicht geschützt. „Man war lange der Ansicht: um das Hirn herum ist ja die Schädelkalotte und der Knochen sei strahlenabweisend genug“, sagt Haude. Doch seitdem in Fachkreisen die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung eines Gehirntumors diskutiert wird, gibt es zudem die Kopfhaube.

Erst vor einiger Zeit ist ein einstiger Kollege von Haude an einem Hirntumor gestorben. „Es sind sehr seltene Tumoren, die besonders grausam sind, weil es keinerlei therapeutische Option gibt“, schildert Haude betroffen. „Es wird nie einen kompletten Schutz geben“, gibt der Chefarzt zu, „sonst müssten wir in einen Ganzkörper-Bleimantel steigen wie ein Froschmann. Und dann könnte man nicht mehr arbeiten.“ Zwar sind normale rein-diagnostische Untersuchungen nach etwa 20 Minuten beendet. „Doch es gibt auch komplexe therapeutische Herzkatheter-Untersuchungen, die mehrere Stunden lang dauern.“

Röntgenstrahlen zu reduzieren, um Patienten und medizinisches Personal vor Strahlenbelastung zu schützen, ist auch Ziel des experimentellen Herzkatheter-Testlabors, das vor gut einem Jahr weltweit vorgestellt wurde – zuerst im Neusser Lukaskrankenhaus, dann in den USA. Sieben Jahre lang hatte Haude gemeinsam mit den Entwicklern von Philips Healthcare an der hochmodernen Anlage „Azurion“ getüftelt. „So wenig Strahlenbelastung wie möglich, aber so viel wie nötig – diese Balance ist wichtig“, erklärt er. Denn grundsätzlich gilt: Je mehr er auf den Live-Röntgen-Aufnahmen sehe, umso besser könne er behandeln.

Der weltweit kleinste Hybrid-OP kommt mit Zweidrittel weniger Strahlenbelastung aus. Die anderen drei Herzkatheter-Messplätze sind älter und haben eine höhere Strahlenbelastung. Haude: „Die Erkenntnisse, die wir jetzt am neuen Messplatz gewinnen, wollen wir künftig auf die anderen Herzkatheter-Messplätze übertragen.“