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Neuss: Neuverblisterung ist in Neuss umstritten

Verblisterung in Neuss : Als Portion abgepackte Pillen sind umstritten

Medikamente, die individuell für jeden Einnahmezeitpunkt verpackt werden, sollen für Patienten eine Hilfe sein. Bei Privatleuten steigt die Nachfrage, auch Pflegedienste gehören zu den Kunden. Das Verfahren ist umstritten.

Sie soll für Patienten und Pflegekräfte eine große Hilfe sein: die Neuverblisterung. Wer mehrere Tabletten zu unterschiedlichen Tageszeiten einnehmen muss, kann sich diese über seine Apotheke individuell für jeden Einnahmezeitpunkt abpacken lassen. In den letzen Jahren sei die Nachfrage vor allem bei Privatleuten gestiegen, sagt der Neusser Apotheker Robert Pape. Zu den Kunden gehören aber auch Pflegedienste oder Alten- und Pflegeheime. Und letztere haben eher gemischte Ansichten.

In Neuss existiert die Neuverblisterung bereits seit mehr als zehn Jahren. Wurden die aneinanderhängenden, verschweißten Tabletten-Tütchen anfangs von Apotheken selbst hergestellt, findet die Produktion mittlerweile in sogenannten Blisterzentren statt, beispielsweise im Blisterzentrum Dormagen, das 2009 vom Apotheker Claus Pfeiffer gegründet wurde. Auf 350 Quadratmetern werden dort tausende Tabletten aus ihren ursprünglichen Packungen herausgenommen, maschinell in individuell beschriftete Portions-Tütchen gefüllt und überprüft und anschließend an ihre Auftraggeber, die Apotheken, versendet.

Absolut vorteilhaft, findet Robert Pape, der gemeinsam mit Christiane König vier Apotheken, darunter die Marien-Apotheke am Etienne, in Neuss leitet. Etwa 20 Privatleute, 40 Patienten von Pflegediensten sowie etwa 95 Prozent aller Bewohner der belieferten Altenheime werden von dort mit den Blistern versorgt. Die Vorteile: Falscheinnahmen und Dosierungsfehler seien mit dem Verfahren nahezu ausgeschlossen, und die Kosten von zwei bis 3,50 Euro pro Wochenblister überschaubar, so Pape. Allerdings müssen Patienten die Kosten selbst tragen, Krankenkassen halten sich raus. Lediglich in manchen Alten- und Pflegeheimen wird die Dienstleistung für die Bewohner übernommen. Eine gute Sache, findet Pape, denn: „Die Pflegebedürftigkeit der Menschen in Deutschland nimmt zu, und somit auch der Bedarf, eine bessere Übersicht über die Medikamente zu haben. Und bei der Neuverblisterung muss man sich nicht mehr selbst um das Sortieren kümmern.“

Genau das wollen manche Pflegefachkräfte aber. So zum Beispiel im Heinrich-Grüber-Haus in Neuss, wo man sich laut Anja Teppler, stellvertretender Pflegedienstleiterin, bewusst gegen die Neuverblisterung entschieden hat. „Unsere Mitarbeiter möchten das lieber selbst in der Hand haben und schauen, dass alles richtig gemacht wird.“ Außerdem würden fast täglich Veränderungen in der Medikation stattfinden, deswegen sei man besser gewappnet, wenn man die Medikamentenverabreichung selbst übernehme, so Teppler. Auch im St.-Josefs-Altenheim habe man sich dagegen entschieden, damit die Mitarbeiter den Bezug zu den Medikamenten behalten, so Pflegedienleiterin Beate Pollmann. Dem kann Peter Lewkowicz, Einrichtugsleiter des Neusser Seniorenheims St. Hubertusstift, nicht zustimmen. Dort nutze man die Neuverblisterung schon seit sieben Jahren und sei sehr zufrieden: Das Pflegepersonal werde entlastet und habe mehr Zeit für Pflege und Betreuung, Fehler bei der Einnahme seien reduziert worden. Dass bei der Neuverblisterung viel Plastikmüll entsteht, der aus Datenschutzgründen in einer Datentonne entsorgt werden muss, ist für Lewkowicz kein großer Nachteil: „Ob man die Verpackungen der Medikamente oder die Plastik-Tütchen entsorgen muss, macht keinen großen Unterschied.“ Einziger Nachteil sei für ihn, dass noch nicht alle Medikamente verblistert werden, so zum Beispiel Antibiotika oder halbe Tabletten.