Neuss: Melanie Stegemann fuhr mit ihrem Motorrad elf Wochen durch Russland

Neusser Künstlerin auf Reisen : 13.975 Kilometer auf dem Motorrad durch Russland

Elf Wochen war Melanie Stegemann mit dem Motorrad in Russland unterwegs. Auf die Idee kam sie durch ihren Großvater. Der gab seiner Enkelin einen besonderen Talisman mit.

Auch wenn sie schon seit einigen Wochen wieder in der Heimat ist, irgendwie ist sie es gedanklich noch nicht. Zu viele Eindrücke, zu viele Begegnungen, zu viele Erfahrungen, die noch verarbeitet werden müssen. Und da sind auch die über 3500 Fotos, die durchgeschaut und geordnet werden wollen. Außerdem ist sie dabei, mit einem Freund einen Film aus ihren vielen Videos, die sie gemacht hat, zu schneiden. Zu lang soll er nicht sein, aber es gibt so viele tolle Sequenzen...

„Wenn ich mir die Bilder ansehe, ist alles wieder so real“, sagt Melanie Stegemann. Die Künstlerin und Fotografin aus Düsseldorf, die regelmäßig in Neuss für das Kulturamt arbeitet, hat sich einen Traum erfüllt. Mit ihrer 35 Jahre alten Enduro – „so alt wie ich“ – hat sie sich auf einen langen Weg gemacht. Erst kurz nach Rostock zum Hansetag, dann über Polen nach Russland. Ihr Anliegen: die russische Seele zu ergründen. Und das, indem sie die Orte aufsuchte, an denen ihr Großvater in russischer Gefangenschaft war. Der hat seiner Enkelin immer wieder von den Menschen dort erzählt, nicht von dem Elend, sondern von der Hilfe, die er erfahren hat. „Aber“, sagt Melanie Stegemann, „er hat sich auch selber Russisch beigebracht, um mit den Leuten dort kommunizieren zu können.“

Seiner Enkelin gab Opa Richard Benna den Ehering der bereits verstorbenen Oma mit, als Talisman sozusagen. Aber er hatte auch eine andere Funktion. „Als Frau allein unterwegs zu sein, kann ja schon einmal problematisch werden“, sagt Stegemann. „Mit einem Ehering am Finger sendet man direkt ein Signal aus, nämlich dass da jemand ist, der auf einen wartet.“ Das habe ihr ein gewisses Gefühl an Sicherheit vermittelt.

Obwohl, sagt sie nach kurzem Nachdenken, eigentlich habe sie sich nie wirklich unsicher gefühlt. Auch nicht, als sie hin und wieder einfach am Strand, am Schwarzen Meer, im Zelt übernachtet habe. Meistens hat sie sich aber Hostels ausgesucht. „Das geht auch in Russland ganz einfach. Anrufen und fragen, ob ein Zimmer frei ist“, erzählt sie. Angesprochen worden sei sie ständig. Ein Motorrad mit deutschen Kennzeichen, das offensichtlich zu einer Frau gehört, kein alltägliches Bild in vielen Gegenden Russlands. „Mir wurde ständig Hilfe angeboten“, erzählt Stegemann, die vor ihrer Reise auch angefangen hatte, Russisch zu lernen. An viele beeindruckende Begegnungen erinnert sie sich, auch an manche zunächst erschreckende wie die, als sie irgendwo am Ural Rast machte („Mitten im Nichts“) und plötzlich ein Mann vor ihr stand. „Doch er fragte mich nur, ob ich Benzin brauche. Er dachte, mein Tank sei leer“, sagt sie und lacht noch heute über den Schrecken, den sie kurz bekommen hatte.

Als „überraschend einfach“ bezeichnet sie ihre elfwöchige Reise. Ihr Tipp an alle, die einmal etwas Besonderes erleben wollen: einfach in eine Richtung fahren und schon komme man irgendwann durch verschiedene Länder und Klimazonen. „Die Welt besteht aus vielen hilfsbereiten Menschen“, ist ihre Erfahrung nach fast 18.000 Kilometern quer durch Russland, davon genau 13.975 mit dem Motorrad.

Wieder daheim, besuchte sie als ersten den Opa, der gespannt auf ihre Berichte wartete, und gab ihm den Ehering, der Schutz und Glücksbringer zugleich war, zurück. Den einen Traum verwirklicht, hat Melanie Stegemann natürlich bereits einen neuen: eine Tour nach Australien. „Und wer weiß, vielleicht komme ich dann nicht mehr zurück“, sagt sie und lächelt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Auf zwei Reifen durch Russland

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