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Neuss: „Man ist nie zu alt, um ein neues Instrument zu lernen“

Musikschule in Neuss : „Man ist nie zu alt, um ein Instrument zu lernen“

Wer ein Insturment spielen möchte, muss damit schon im Kindesalter beginnen – ein weitverbreiteter Irrglaube, sagt Musikschulleiter Holger Müller. Welche Möglichkeiten Erwachsene haben und warum es nie zu spät ist, Neues zu beginnen.

Jeden Tag greift Kurt Koenemann zu seiner Klarinette und übt: Aktuell sind es vor allen Dingen Schützenlieder – das Neusser Heimatlied zum Beispiel oder „Dat schönste op d’r Welt“. „Das ist gerade eine schöne Herausforderung“, sagt der Schützenkönig.

Er ist einer von gut 100 Erwachsenen, die an der Neusser Musikschule Unterricht nehmen. Einige von ihnen sind Wiedereinsteiger, andere musizieren schon lange, wollen aber zum Beispiel ihre Technik verbessern – und dann gibt es da noch diejenigen, die erst im Erwachsenenalter mit einem Instrument begonnen haben. So ist es auch bei Koenemann: Seitdem er im Ruhestand ist lernt der 63-Jährige, auf der Klarinette zu spielen. Überhaupt begeistert er sich sehr für Musik: „Irgendwann habe ich bereut, dass ich als Jugendlicher nie mit einem Instrument angefangen habe.“

Geschichten wie diese kennt Thomas Müller, Leiter der Musikschule Neuss einige: „Wir bekommen mit, dass Menschen solch einen Wunsch Jahrzehnte mit sich herumtragen und ihn dann umsetzen möchten. Einige sagen, ich hätte als Kind nie aufhören dürfen- oder überhaupt anfangen sollen.“ Doch sei es ein weitverbreitetes Klischee, dass man schon im Kindes- oder spätestens Jugendalter mit einem Instrument beginnen müsste. „Der Gedanke geht zurück auf die 60er und 70er Jahre, damals gab es auch noch die Unterscheidung in musikalisch und unmusikalisch“, erzählt Müller und fügt hinzu: „In manchen Köpfen ist das noch drin, aber aus musikpädagogischer Sicht gibt es keinen Grund dafür.“ So habe zwar jeder Mensch sein eigenes Leistungsspektrum, doch lasse sich viel mit Zeit, Fleiß und gutem Unterricht kompensieren. Und das gilt auch für die älteren Schüler: „Wir beobachten viele Erwachsene, die sich gut entwickeln – dazu gehören auch die 60 bis 65-Jährigen, die ganz neu angefangen haben.“

 Aktuell unterricht Musikschullehrerin Dagmar Wilgo (vorne) ihre 73-jährige Schülerin digital. „Es gibt noch viel zu lernen“, sagt Gesine Wolf. 
Aktuell unterricht Musikschullehrerin Dagmar Wilgo (vorne) ihre 73-jährige Schülerin digital. „Es gibt noch viel zu lernen“, sagt Gesine Wolf.  Foto: Georg Salzburg (salz)
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Doch wie unterscheidet sich der Lernprozess je nach Alter? „Man kann sagen, dass Kinder instinktiver lernen und vielleicht auch etwas schneller sind. Aber im Grunde ist es eine Typfrage“, sagt Müller, „Es gibt auch Erwachsene die Gelerntes schnell umsetzen.“ Und sie haben noch eine weitere Stärke: Müller fällt bei erwachsenen Schülern auf, dass sie sehr motiviert sind und regelmäßg üben. „Manchmal sind sie aber auch zu kritisch mit sich selbst“, sagt der Musikschulleiter, „sie wissen oft, wie etwas klingen müsste und sind dann mit der eigenen Leistung unzufrieden. Das kann mal hilfreich sein, es kann aber auch ausbremsen. Da greifen wir dann pädagogisch ein.“

Auch der Mediziner und Musiker, der als führenden Forscher auf dem Gebiet der Neurophysiologie und Neuropsychologie von Musikern gilt, hat in einer Rede gesagt, dass es nie zu spät ist, um ein Instrument zu lernen.

Im Gegenteil: Der Prozess wirke sich auch positiv auf andere Denkfertigen aus und wirke dem kognitiven Abbau entgegen. Er verweist in einem Beitrag, der in einem Magazin des Deutschen Musikrats erschienen ist, auch auf eine Studie aus dem Jahr 2007, in der Senioren sechs Monate Klavierunterricht bekommen haben: Anschließend wurde bei ihnen eine Leistungsverbesserung festgestellt, die  Arbeitsgedächtnis, Planung und Strategiebildungen mit einschlossen.

Das bestätigt der Musikschulleiter. Er kann einige positive Effekte aufzähle, die das Musizieren auf einen Menschen hat. Einer davon: „Es werden Hormone ausgeschüttet, die für ein Glückgefühl sorgen.“ Einige neurologische Studien hätten nachgwiesen, dass etwa beim regelmäßigen Singen Glückhormone frei gesetzt werden. Ähnliches scheint auch für die Klarinette zu gelten: Immer noch hat Kurt Koenemann Spaß an seinem neuen Hobby. Es bedeutet für ihn Entspannung, aber auch Freude, wenn er neue Fortschritte macht.  Phasen, in denen es einmal nicht so gut klappt, gehören für ihn zum Übungsprozess dazu – und wenn dann erst einmal eine Hürde überwunden ist, sei der Ansporn umso größer. Für die Klarinette hat er sich damals entschieden, weil ihm der Klang so gut gefallen hat.

Überhaupt, so sagt Müller, gibt es keine generelle Empfehlung, welches Instrument besonders für ältere Anfänger geeignet ist. „Der erste Schritt ist immer eine individuelle Beratung“, sagt er. Dabei wird auch die Motivation in den Blick genommen: Einige haben vielleicht ein spezielles Stück als Ziel, andere suchen ein Instrument, um gemeinsam mit anderen musizieren zu können. Ein Aspekt, den auch Musikschülerin Gesine Wolf an ihrer Blockflöte schätzt: „Man kann sie alleine und gemeinsam mit anderen spielen“. Das sei in gewöhnlichen Zeiten auch eine gute Möglichkeit, um sich zu vernetzen.

So ist die 73-Jährige Mitglied in einem Flötenkreis und nimmt seit einem Jahr Flötenunterricht an der Musikschule in Neuss. Zwar spielt sie schon lange Blockflöte – das hat sie sich selbst beigebracht  – doch ist es nun das erste Mal in ihrem Leben, dass sie darin unterrichtet  wird. Und zu lernen gibt es immer etwas. „Es ist spannend, etwas Neues auszuprobieren“, sagt sie. Auch Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein: „Je mehr man übt, desto besser klappt es“.