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Neuss: Literraischer Ausflug in die Niederlande

Lesung in Neuss : Literarischer Ausflug in die Niederlande

Die letzte Abendveranstaltung des Literarischen Sommers war sehr gut besucht: Angeregt tauschten sich die Zuhörer mit der in Leiden lebenden Journalistin Kerstin Schweighöfer über das Nachbarland aus. Eine Buchempfehlung.

Der Lesungssaal in der Stadtbibliothek musste sogar erweitert werden. Selbst im Foyer standen noch Stühle und Tische, die mit niederländischen Fähnchen bestückt waren: So viele Besucher waren zur letzten Abendveranstaltung des Literarischen Sommers in Neuss gekommen.

In den vergangenen Wochen hatte dort Tobias Friedrich aus seinem Debüt „Der Flußregenpfeifer“ gelesen und der niederländische Autor Gebrand Bakker stellte mit „Die 3 gibt es nicht“ seine skurrile Erzählung um einen schlecht gepflegten Wanderweg in der Eifel vor – wobei er es bevorzugte, über sein Buch zu plaudern: „In Holland redet man bei Lesungen über ein Buch, daraus vorzulesen ist nicht üblich“, hatte er erklärt.

 Die Journalistin Kerstin Schweighöfer nimmt ihre Wahlheimat genau unter die Lupe.
Die Journalistin Kerstin Schweighöfer nimmt ihre Wahlheimat genau unter die Lupe. Foto: Lidian van Megen

Weitere Einblicke in die niederländische Kultur lieferte nun die Journalistin Kerstin Schweighöfer, die zwar in Deutschland geboren wurde, aber seit mehr als 20 Jahren im niederländischen Leiden lebt. Im März ist nun ihre „Gebrauchsanweisung für die Niederlande“ erschienen, ein Buch, das nicht passender für das deutsch-niederländische Festival gewählt sein könnte. Und so vermutete Stadtbibliotheksleiterin Claudia Büchel, dass sich unter den vielen Gästen sowohl Deutsche als auch Niederländer, die sich für den Perspektivwechsel interessieren, befanden.

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Humorvoll leitete die Autorin den Abend mit einem „Crashkurs“ über Deutsche und Niederländer ein. Ein Beispiel? In den Niederlande zahle man mehr mit Karte und wenn dann Bargeld zum Einsatz kommt, würden Centbeträge aufgerundet. Im Vergleich seien Deutsche vorsichtiger, würden viel diskutieren und planen, während die liberalen Nachbarn „einfach probieren und machen“. Das führe dazu, dass sich die Niederländer schwer mit Verboten tun: Viel lieber tolerieren sie – bestes Beispiel sei der Cannabiskonsum. Der Unterschied zwischen niederländischer Gelassenheit und deutscher Vorsicht mache sich etwa auch in dem Gesundheitssystem bemerkbar: In Deutschland gebe es mehr Voruntersuchungen und längere Schonzeiten nach einer Operation: „Man unterhält sich in Deutschland auch mehr über die Gesundheit“, sagt Schweighöfer. Als sie dort gefragt wurde, wann ihre letzte Blutuntersuchung war, hätte sie es nicht genau sagen können. Ihr niederländischer Hausarzt hätte auf Nachfrage nur gesagt: „Warum? Sie sind doch gesund.“ Und auch beim Fahrrad scheiden sich die Geister: In Deutschland trage man einen Helm, in den NIederlanden verzichte man darauf. „Allerdings haben die Fahrradfahrer da auch eine bessere Infrastruktur“, sagt Schweighöfer und als sie Bilder von Erwachsenen zeigt, die gleich drei Kinder auf dem Fahrrad mitnehmen, schaltet sich prompt ein Zuhörer ein: „Gibt es eine Schulung, um solch ein Rad zu fahren?“ Das Publikum lachte, „so eine Frage ist wohl typisch Deutsch“, raunte jemand und auch die Autorin schmunzelte, als sie die Frage verneinte. Überhaupt war das Publikum an jenem Abend nicht nur stiller Zuhörer: Es wurden interessiert Fragen gestellt oder eigene Erfahrungen geteilt.

Heiterkeit wechselte sich mit ernsten Themen ab: Das angespannte Verhältnis zwischen den Niederlanden und Deutschland wurde ebenso thematisiert, wie andere historische Ereignisse. Es ging um die niederländische Unabhängigkeit, wie orange zur Nationalfarbe wurde und welchen Einfluss niederländische Pilger auf die USA und insbesondere New York hatten.

Nur ein Bereich kam an jenem Abend zu kurz: die Reisetipps. Auf Anfrage von Helga Schwarze von der Stadtbücherei verriert die Autorin dann ihren Geheimtipp: „Es muss nicht immer Amsterdam sein, besucht doch auch mal die kleineren altholländischen Städte wie Leiden, Delft, Gouda oder Dordrecht.“ Die seien nicht so überlaufen. Auch eine Fahrt von Rotterdam aus mit dem Waterbus kann sie empfehlen.

Nach der Lesung war die Schlange vor dem Verkaufsstand lang, wer neugierig geworden ist, kann sich das Buch auch in der Stadtbibliothek leihen.