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Neuss Literarischer Sommer in der Stadtbibliothek mit Jan Konst

Litrerarischer Sommer in Neuss : Ein niederländisch-deutsches Familienbuch

Der in den Niederlanden geborene Literaturwissenschaftler Jan Konst stellte beim „Literarischen Sommer“ sein Buch vor. „Der Wintergarten“ spiegelt rund 100 Jahren deutsche Geschichte wider.

Man kann es ruhig aussprechen: Wer beim Deutsch-Niederländischen Literatursommer als Autor beide Sprachen beherrscht, ist im Vorteil. Noch besser ist es, wenn man seinen Lebensmittelpunkt in beiden Ländern hat. Und geradezu ideal ist eine Lebenspartnerschaft mit einer Bürgerin oder einem Bürger des jeweils anderen Landes. All dies trifft zu für den 1963 in Utrecht geborenen Jan Konst. Seit Anfang der 90er Jahre lehrt er an der Freien Universität Berlin Niederländische Literatur. Und im vergangenen Jahr hat er ein Buch über die Geschichte seiner deutschen Schwiegerfamilie geschrieben. Die Besucher seiner Lesung aus „Der Wintergarten“ in der Stadtbibliothek werden den genannten Vorteilen des Autors noch einen weiteren hinzugefügt haben: er kommt ungemein sympathisch rüber.

Jan Konst war mit seiner Frau aus Amsterdam angereist und zeigte sich angetan von dem gemeinsamen Bücherfestival der Nachbarländer, auch wenn es coronabedingt in diesem Jahr nur 25 Lesungen in den beteiligten Städten geben wird. Mit vielen Publikationen hat er sich akademisches Renommee erworben, aber ein Sachbuch, eine biedere Familiengeschichte gar? „Ich muss es ehrlich sagen: meine Schwiegermutter hat mich ein bisschen dazu gedrängt“, sagt er lachen zu seiner Verteidigung. Das über die vielen Jahrzehnte gesammelte Material der deutschen Familie sei aber auch ungemein verlockend gewesen.

„Eine deutsche Familie im langen 20. Jahrhundert“, heißt das Buch im Untertitel. Es verbindet vier Generationen mit der allgemeinen Geschichte. Konsts Protagonistin ist Hilde, geboren 1902 im sächsischen Meißen und 99 Jahre später gestorben. Sie wurde Zeitzeugin eines ganzen Jahrhunderts. Als die Mauer fiel, war sie zu alt, um die neue Freiheit zu genießen. Die erzählte Handlung aber beginnt noch früher, mit Emil Grunewald, dem „Stammvater der Familie“. Hildes Vater kam 1871 im Deutschen Kaiserreich zur Welt. In der Zeit der industriellen Revolution baute er sich einen bescheidenen Wohlstand auf und ging beruflich neue Wege. Er begann als Pädagoge, war aber bald auch unternehmerisch tätig.

„Mein Buch ist eine Biografie, keine Autobiografie“, betonte der Autor. Das habe ihn zur Objektivität gezwungen und manchmal auch zum Widerspruch in der Schwiegerfamilie. Bei seinem Erscheinen in den Niederlanden wurde das Buch regelrecht gefeiert und zum Bestseller. Man hob hervor, wie elegant Jan Konst sich einerseits auf der mikrokosmischen Ebene einer deutschen Durchschnittsfamilie, andererseits aber auch auf der makrokosmischen Ebene des Welt- und Zeitgeschehens bewegte.

Dabei erfuhr er auch Überraschendes. Familienmitglied Brigitte, ein Kind der jungen DDR, war tatsächlich bei drei historischen Ereignissen direkt vor Ort: Bei der Bombardierung von Dresden, dem Berliner Mauerbau und beim Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag. „Das klingt doch ziemlich nach Forrest Gump, der ja angeblich in seinem Leben auf Elvis Presley und drei amerikanische Präsidenten traf“, wundert sich Konst heute noch.

Verwundert war der fließend Deutsch sprechende Autor auch über Begriffe, die er erst bei der Arbeit am Buch kennenlernte: etwa „Blümchenkaffee“, bei dem in den Porzellantassen der floral verzierte Boden durchscheint. Und das „Plumpsklo“. In ebenerdigen, niederländischen Häusern vorstellbar, aber im dritten Stock einer bürgerlichen Moritzburger Villa?