"Neuss liest" aus Monika Marons Roman "Flugasche"

Literatur im Botanischen Garten : Lesung bei Sellerie- und Melissenduft

Im Folientunnel auf dem Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei im Botanischen Garten lauschten 30 Zuhörer den Worten Peter Kauhausens, der im Rahmen des Festivals „Neuss liest“ aus Monika Marons Debütroman „Flugasche“ las.

Das Festival „Neuss liest“ – in diesem Jahr Monika Maron gewidmet – mit Lesungen, aber auch Ausstellungen und Vorträgen an unterschiedlichen Orten der Stadt war nun erstmals im Botanischen Garten Gast. Genauer: Im Folientunnel auf dem Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei am Botanischen Garten. Dort baut die Urban Gardening-Gruppe der Transition Town-Initiative Neuss seit 2016 Obst und Gemüse an. Die mehr als 30 Besucher empfing ein entsprechend frischer Duft von Sellerie und Melisse.

Während in den zahlreichen Kaffeepausen-Lesungen Marons Roman „Endmoränen“ (von 2002) auf dem Programm steht, hatten sich die Verfechter für Obst- und Gemüseanbau im öffentlichen Raum für ihren Debütroman „Flugasche“ (1981) entschieden. Das war eine gute Wahl, denn in diesem Roman, der als „erster Umweltroman der DDR“ gilt, beschäftigt sich Monika Maron (77) mit der Umweltverschmutzung in dem sozialistischen Land. Die Autorin ist zwar in Westberlin geboren, lebte aber von 1951 bis 1988 in der DDR. Nach Studium von Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte arbeitete sie eine kurze Zeit als Regieassistentin, wurde aber bald Reporterin für zwei Frauenzeitschriften.

Ihr Roman „Flugasche“ basiert auf tatsächlichen Erfahrungen, die sie als Reporterin für die Ost-Berliner „Wochenpost“ erlebte. Für diese Zeitung war sie in B. – gemeint ist Bitterfeld – „der schmutzigsten Stadt Europas“. Ihre Offenheit über die wahren Verhältnisse führte schon in der Redaktion zu erheblichen Repressalien, ganz zu schweigen von den Auseinandersetzungen mit Partei und Staatsapparat. Die Reportage erscheint letztlich stark gekürzt, der Roman, in dem die Ich-Erzählerin Josefa Nadler schonungslos die wahren Verhältnisse aufdeckt, wird schließlich in der Bundesrepublik veröffentlicht. Das Buch ist auch ein Schlüsselroman, weil viele Personen, etwa der Chefredakteur der „Illustrierten Woche“, die Kollegin Luise, „eine Pragmatikerin“, deutlich zu erkennen sind.

„Schreiben über B.“: Je länger sie darüber nachdachte, desto schwieriger wurde es. Aber da gibt es ja noch „Josefa und die Männer“: Große Unterhaltung ist ihre Beziehung zum Jugendfreund Christian. Sogar Werner Grellmann, sein Vater, wird detailliert beschrieben: „Ein leidenschaftlicher Fußgänger und Radfahrer, immer auf die Rechte der Mehrheit bedacht.“ Hart kritisiert die Autorin das Duckmäusertum in der DDR: „Die Menschen haben sich gewöhnt, und es geht eben nicht alles auf einmal, historische Notwendigkeiten und so weiter.“

Im Folienzelt las große Abschnitte aus dem Roman Peter Kauhausen (70), Mitglied der Urban-Gardening-Gruppe. Der ehemalige Lehrer ist seit 2011 Rentner „und seither auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Meine erste Lesung heute gehört schon einmal dazu“, sagt er überzeugt.

Er hatte sich aber bei anderen Lesungen informiert und nach der Meinung aller Zuhörer „dort richtig gut gelernt“. Am Rande der Lesung bestand für die Besucher die Möglichkeit, sich näher über die Aktivitäten des Urban Gardening zu informieren. Davon machten auch einige Gebrauch. Dazu gab es vegane Snacks und Tee. Sehr schön war auch, dass die Mitglieder den Rückweg durch den Botanischen Garten dank prächtiger Illumination zum gefahrlosen Erlebnis machten.

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