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Neuss: Laienspieler zeigen im Kulturforum Alte Post "1984" nach George Orwell

Kultur in Neuss : Großartiges Theaterspiel der Laien

Schrill, nachdenklich, grauslich und auch komödiantisch – so lässt sich das Spiel des Erwachsenen-Ensembles beschreiben. Es begeistert mit George Orwell das Publikum.

Spätestens seit Trumps Wahlerfolg in den USA steht „1984“, der Roman des englischen Schriftstellers George Orwell, hoch im Kurs – auch auf deutschsprachigen Bühnen. In Neuss gab es jetzt sogar eine Uraufführung: „1984 – Schauspiel von Stefan Filipiak, frei nach der Romanvorlage von George Orwell“. Der Düsseldorfer Schauspieler, Regisseur, Autor und Theaterpädagoge Stefan Filipiak führt auch Regie beim Erwachsenen-Ensemble des Kulturforums Alte Post. Um das Ereignis vorab zu werten: Die sieben Laienspieler bieten ganz großes Theater, komödiantisch, schrill, grauslich und vor allem nachdenklich. „Schön, dass Sie sich das angetan haben“, bedankte sich der Regisseur nach einer vollkommen überzeugenden Vorstellung beim Publikum eines nahezu ausverkauften Hauses.

 Ernst Geesmann (unten) und Jochen Langenbach (oben). 
Ernst Geesmann (unten) und Jochen Langenbach (oben).  Foto: Filipiak

Er lässt in seiner Version George Orwell ausführlich zu Wort kommen, meist über Lautsprecher aus dem Off. Dafür zeichnet Nils Kemmerling verantwortlich wie auch für das phantastische Video-Bühnenbild. George Orwell schrieb die Dystopie (fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung) „Ninteen Eighty-Four“ in der Einsamkeit einer schottischen Insel 1949 und beschreibt den totalitären Staat nach dem Muster der Sowjetunion. George Orwell war demokratischer Sozialist, warnte aber vor Stalins Überwachungsstaat. Der DDR war er mit seiner „antisowjetischen Propaganda“ verhasst, Datenschützer berufen sich bis heute auf ihn. Entsprechend ist Filipiaks Schauspiel beklemmend aktuell: Winston Smith, die Hauptperson – „Ich hatte den Ehrgeiz, sein Innenleben zu schildern“, sagt Stefan Filipiak – ist eigentlich nach dem Willen des Ministeriums für Überfluss für die Prognosen der Schokoproduktion zuständig, nutzt seine Mittagspause aber, um im Tagebuch zu schreiben. Mit den Vorgaben des Ministeriums für Wahrheit „Krieg ist Frieden, Freiheit Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ kann er nicht einverstanden sein. Ihn spielt überzeugend und mit vollem Körpereinsatz Ernst Geesmann. Seine Partnerin Julia verkörpert Vanessa Streek, sie singt auch toll, aber nur im Versteck, denn „Singen ist ein schweres Verbrechen“. Drei Damen, ganz in Schwarz, (Anke Mattern, Birgit Meyer, Petra Wucherpfennig) moderieren vor allem das Nachdenkliche, sorgen vehement für dramatische Szenen und zitieren wirkungsmächtig George Orwell in Brocken, die längst allgemeiner Sprachgebrauch sind: „Großer Bruder, doppelplusungut, Neusprech und Doppeldenk“. Frank Gärtner (in einer Doppelrolle) und Jochen Langenbach komplettieren ein vollkommen spielfreudiges Team. Zudem ist die Big-Data-Krake permanent aktuell. 2 + 2 = 5: „Die Partei hält es für Wahrheit, und man wird es glauben müssen.“