1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: „Köcher Büroorganisation“ an der Oberstraße schließt

Köcher an der Oberstraße : Schluss für den Büro-Profi aus Neuss

Das Unternehmen „Köcher Büroorganisation“ schließt zum 30. September. Als Grund dafür wird unter anderem „Beratungsklau“ genannt – aber auch ein Wandel ist ursächlich für den Schritt.

Von außen wirkt das Unternehmen „Köcher Büroorganisation“ an der Oberstraße etwas aus der Zeit gefallen. „Grundig Stenorette“ verspricht die Leuchtreklame, dabei gibt es das eine wie das andere schon lange nicht mehr. Doch hinter der Fassade gleich neben dem Obertor ging man immer mit der Zeit. Und das heißt in letzter Konsequenz, zum 30. September zu schließen. „Wir haben mit Beratungsklau zu kämpfen“, sagt Mit-Geschäftsinhaber Henry Stoll – und mit dem Internet. Also folgt Stoll dem Trend. Laden zu, Internetportal auf. Als „Der Rückenretter“ will Stoll von Bedburg aus ab Herbst firmieren, denn davon versteht er viel.

 Henry Stoll, Mit-Geschäftsinhaber der Firma „Büroorganisation Köcher“, schließt Ende September das Geschäft an der Oberstraße.
Henry Stoll, Mit-Geschäftsinhaber der Firma „Büroorganisation Köcher“, schließt Ende September das Geschäft an der Oberstraße. Foto: Christoph Kleinau

Die Geschichte der Firma Köcher ist auch die Geschichte des Büroalltags. Der hat sich seit den 1950er- und 1960er-Jahren, als sich die heutige Firma Köcher anschickte, zu einem der bundesweit größten Händler mit Schreibmaschinen der Marke Triumph-Adler aufzusteigen, radikal gewandelt. „An jedem Arbeitsplatz bei der AOK gab es eine Rechenmaschine“, nennt er ein Beispiel. Und die mussten vier Mal im Jahr bei Köcher gewartet werden. Wie die Schreibmaschinen auch. „Damals wurde noch Werterhaltung betrieben“, sagt Stoll. Für die Wartungsarbeiten hatte die Firma im Keller unter dem ehemaligen DGB-Haus gleich nebenan Werkstatträume angemietet, die über einen Korridor mit dem Geschäft verbunden waren. Zehn Mitarbeiter hatte Köcher in der Spitze, „und Büromaschinen-Mechaniker war ein gefragter Beruf“, sagt Stoll.

  • Das 3-Städte-Depot an der Peterstraße war
    3-Städte-Depot in Hückeswagen : Große Schäden an historischen Maschinen
  • Haltestellen-Umbau in Neuss : Bergheimer Straße bald gesperrt - Händler in Sorge
  • Losfeen im Einsatz: Anja Maas (links)
    Reeser Sanitär- und Heizungsfirma feiert Jubiläum : Firma Maas seit 150 Jahren: Gewinnspiel und Wein

Stoll, Industriekaufmann mit betriebswirtschaftlichem Studium, kam Mitte der 1980er Jahre in das Unternehmen, das Anfang der 1970er Jahre Franz-Josef Köcher übernommen hatte. Der Name der Bonner Firma Keldenich, die das Geschäft an der damals noch stark befahrenen Oberstraße als Filiale eingerichtet hatte, verschwand aus den Geschäftspapieren des – seit Übernahme – Familienunternehmens.

Köcher wuchs, und der Chef brauchte seinen Schwiegersohn Stoll als Fachmann für Hybridmaschinen. Das waren der Schreibmaschine noch sehr verwandte Apparate, an die man aber schon einen Bildschirm anschließen konnte. „Da zeichnete sich schon der Siegeszug des Personal-Computers ab“, sagt Stoll heute.

Der PC-Siegeszug kam tatsächlich – und die Branche musste sich entscheiden. Einige folgten dem Beispiel von Triumph-Adler und stiegen auf Kopierer, Drucker, Faxgeräte um, Stoll und seine Mitinhaberin Elisabeth Köcher entschieden sich für den Weg „weg von den Maschinen, hin zu den Möbeln.“

Durchaus mit Erfolg. Denn große Neusser Arbeitgeber wie FS Karton oder Alunorf richteten ihre Büroarbeitsplätze bei der Firma Köcher ein. Doch mit der Zeit merkte Stoll, bereits seit dem Jahr 1997 Mitinhaber, dass Spezialisierung Not tat. „Es gibt Dinge, die können die Großen besser“, sagt er und verlagerte sich deshalb auf den beratungsintensiven Ergonomiebereich. Eine Sparte, die „die Großen nicht interessiert“, wo Köcher aber seinen Teil zum Kampf gegen die Volkskrankheit „Rücken“ leisten konnte. Für die Telekom im Westen Deutschlands war die Firma Köcher die Adresse schlechthin, wenn Schwerbehinderten-Arbeitsplätze einzurichten waren.

Für ein letztes Hoch im Laden sorgte am Ende das Coronavirus. Homeoffice war nämlich angesagt und in das Geschäft an der Oberstraße kamen „Büromenschen“, die am Arbeitsplatz „auf einem Top-Bürostuhl saßen und sich daheim auf einem Holzschemel wiederfanden“, sagt Stoll. Doch das änderte an der Schließungsabsicht auch nichts mehr.

Christoph Kleinau