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Neuss: "Klein-Venedig" soll Touristen locken

Erft, Epanchoir und Nordkanal in Neuss : „Klein-Venedig“ soll Touristen anlocken

Das Epanchoir, die verschlungenen Wege der Erft und der Nordkanal sollen künftig verstärkt Besucher anziehen. Neben geschichtsträchtigen Informationen gibt es auch ganz praktisch lauschige Plätzchen zum Verweilen.

„Das ist ja ein Klein-Venedig“, staunte eine Mitarbeiterin von Eckhard Uhlenberg, Präsident der NRW-Stiftung, anlässlich dessen Besuches in Neuss. Anlass war die Wiederher- und Fertigstellung des von der Stiftung mitfinanzierten Epanchoirs an der Nordkanalallee. Doch es war für die junge Dame nicht nur das Wasserkreuz-Bauwerk, sondern das Gewirr von Wasserläufen, Kanälen, Stauwehren und Tunneln, das auch Christoph Napp-Saarbourg und Klaus Karl Kaster ins Schwärmen geraten lässt. Die beiden Neusser, zusammen mit Elisabeth Heyers als Vorstand des Vereins der Freunde und Förderer des historischen Nordkanals mit Chuzpe und Beharrlichkeit maßgeblich an der Restaurierung des Epanchoirs samt Gestaltung des Umfeldes beteiligt, sehen nicht nur die großen Wasserbauleistungen vom Mittelalter bis in die Neuzeit, sondern auch Chancen, Neuss als touristisches Ziel attraktiver zu machen.

„Die Stadt gibt eine Menge her – mit Quirinus, Hafen, Sommer- und Winterbrauchtum. Und wir haben schon Anfragen von Heimatfreunden, die sich im Rahmen einer Führung Neuss und seine Gewässer anschauen wollen“, so Napp-Saarbourg. Klaus Karl Kaster ist überzeugt: „Wir haben was zu bieten, wir haben Geschichte. Und wir können die leibhaftig vorstellen. Bis auf den früheren Nordkanal vom Epanchoir nach Grimlinghausen, der Abschnitt ist praktisch leider nicht mehr vorhanden.“ Sichtbar sind lediglich ein Kanalwärterhäuschen am Scheibendamm und eine alte Pumpe.

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Der Verein will zeigen, wie verschlungen die Wege der Erft in Selikum, aber vor allem als Nordkanal im Bereich von Rosengarten und Stadthalle, Obertor und Selikumer Straße sind. Kaster: „Die Obererft ist seit dem Mittelalter ein künstlicher Wasserlauf, abgeleitet aus der Erft durch ein Regelungswerk ,Napoleonswehr’ am Selikumer Park und durch ein Doppel-Wehr, genannt ,Empellement’, mit je drei regulierenden Tafelschützen, einmal in Richtung Kinderbauernhof und Erftmündung in den Rhein, zum anderen in die zur Stadt weiterführende Obererft.“ In gewundener Linienführung schlängelt sich die Obererft am Stadtteil Selikum, am Reuschenberger Busch, an der Gartenkolonie Römerlager vorbei bis zum Epanchoir, das sich unmittelbar neben der St. Alexius-/St.-Josefs-Klinik befindet.

Hinter dem Epanchoir und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dorint-Hotel/Stadthalle spaltet sich das Gewässer des Nordkanals, der gespeist wird vom Jüchener Bach und von der Stadtentwässerung, auf. Es hat nach links und rechts die Wahl, fließt zum einen in den Erftmühlengraben, der den Rosengarten umschließt, begleitet die Erftstraße, verläuft ab dem Platz am Niedertor unterirdisch und mündet in Höhe des UCI-Kinos in das Hafenbecken I. Zum anderen zweigt der Wasserlauf ab zur Augustinusstraße, bildet einen Wasserfall und verläuft teils unterirdisch, teils offen, um schließlich am Hessentor im Hafenbecken I zu ertrinken. Es geht also im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber, es rauscht und quirlt, jeder Meter hat etwas zu erzählen. Und bietet auch lauschige Plätzchen zum Verweilen.

 Das Epanchoir erinnert an die Napoleonzeit.
Das Epanchoir erinnert an die Napoleonzeit. Foto: Rolf Hoppe

Das alles ist allerdings nicht allein Napoleons und französischer Ingenieurskunst zur Garantie eines höchstmöglichen Wasserstandes des Nordkanals geschuldet. Napp-Saarbourg: „Man muss wissen, dass die Obererft – von der Erft abgezwackt – im Grunde im Mittelalter per Hand angelegt worden ist. Weil die Stadtväter sich nicht nur um die Verteidigung der Stadt gesorgt haben, sondern auch bestrebt waren, dass die zahlreichen Mühlen die Wasserkraft geregelt nutzen konnten.“ Dieser Regelmechanismus ist, so Kaster, auch heute noch gut in Schuss und nicht ohne. Immerhin hat die Obererft bis zur Mündung in das Hafenbecken insgesamt ein Gefälle von etwa acht Metern. Was sich vor allem am Epanchoir und Wehr am Obertor als größtem Wasserfall am Niederrhein sehen – und hören lässt.

Der Verein der Freunde und Förderer des historischen Nordkanals hat jetzt auch formal einen Schlussstrich unter das Projekt zur Wiederherstellung der Wasserkreuzung Epanchoir am Nordkanal gemacht. Dieses Vorhaben hatte 2012 den Anstoß zur Gründung gegeben. Doch nach dessen Fertigstellung steht eine Auflösung nicht zur Debatte, man hat noch andere Ziele. „Und wir haben noch Lust“, sagt Napp-Saarbourg. „Sobald im Juli die Straßenbaustelle verschwindet, kommt die repräsentative und öffentlichkeitswirksame Werbung für unser Klein-Venedig, quasi die Vermarktung. Verbunden mit einer möglichen Überplanung des Areals rund um die Gewässer und mit weiteren Aufgaben rund um den Nordkanal.“

 Die Erft wird auf Neusser Gebiet zum hübschen Wasserfall.
Die Erft wird auf Neusser Gebiet zum hübschen Wasserfall. Foto: Rolf Hoppe

Geplant sind dabei beispielsweise die Förderung von Kunstobjekten, die Pflege von Brücken und der Fietsallee, einer Wegweisung für Radler bis ins niederländische Venlo und darüber hinaus. „Dabei hilft uns die Bereitschaft der Stadt, von Stadtwerken, Förderern und Stiftungen, sich weiterhin für unsere ehrenamtliche Arbeit zu engagieren“, so Kaster. „Eines der ersten Projekte wird ein Flyer sein; weiterhin wollen wir das Thema didaktisch für Schulklassen, Kinder und Erwachsene aufbereiten.“

Dabei hat Klaus Karl Kaster mit seiner umfangreichen Dokumentation „Neuss an den Flüssen“ schon einiges an Vorarbeit geleistet. „Wir haben auch den Ansporn, aufgrund der Nordkanal-Historie den deutsch-französch-niederländischen Gedanken zu vertiefen“, kann sich Napp-Saarbourg begeistern. Damit knüpfe man geschichtlich an Napoleons Idee vom Wirtschaftsweg von Antwerpen zu den rheinischen Landen an. Stichwort: Eiserner Rhein.