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Neuss: Klaus Rodewig schreibt über Fährunglück von 1947 vor Neuss-Uedesheim

„Wenn das Eis taut“ : Roman erinnert ans Fährunglück von 1947 vor Neuss-Uedesheim

Der Neffe des Unglückkapitäns von 1947 hat den Untergang mit 14 Toten in eine spannende Familiengeschichte eingebettet. „Wenn das Eis taut“, so der Titel seines Romans.

Klaus Rodewig (70) wohnt und arbeitet heute in Bochum. Kein Mitglied seiner Kernfamilie lebt noch in Uedesheim, wo er aufwuchs, Kindheit und Jugend verbrachte. Und doch lässt ihn der kleine Ort im Neusser Süden nicht los, wandern seine Gedanken immer wieder dorthin, und doch ist seine Familie auch nach ihrem Wegzug immer noch in Uedesheim präsent. Der Grund dafür liegt 73 Jahre zurück. Am Nachmittag des 7. März 1947, der kleine Klaus sollte erst drei Jahre später geboren werden, spielten sich dramatische Szenen auf dem Rhein vor Uedesheim ab. Die Ponte St. Antonius, die damals das linke Ufer mit Himmelgeist verband, kenterte schwer beladen und versank. 14 Menschen kamen in den eiskalten Fluten um. Die Bilder der Katastrophe verfolgten den unglücklichen Fährmann Theo Rodewig bis zu seinem Tod 2003.

Jetzt sind die Ereignisse von damals zurück, werden von den Uedesheimern diskutiert und um eigenes und überliefertes Wissen ergänzt. Klaus Rodewig hat dafür gesorgt. Unter dem Titel „Wenn das Eis taut“ hat der Sohn des ehemaligen Fährmeisters und Neffe des Unglückkapitäns einen spannenden Roman verfasst, der nicht nur die Daten, Fakten und Folgen des damaligen Unglücks erzählt, sondern als Psychoanalytiker hat Rodewig die Tragödie in eine Familiengeschichte eingebettet. So gelang ihm ein gut lesbares Werk, in dem das Unglück nicht aus heiterem Himmel eintritt, sondern es wird in einen psychosozialen Zusammenhang gestellt. Das ist neu. Bisher galt als Ursache für die Tragödie ausschließlich eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Die Liebe zu einer Frau brachte den erfahrenen Fährmeister samt Familie in Bedrängnis. Er zog sich von Bord zurück, so dass der erst 21-jährige Bruder Theo seinen Platz auf der Fähre einnehmen musste – unerfahren und in der Ausnahmesituation am 7. März 1947 überfordert. „Im gewissen Sinn eine Begebenheit des Scheiterns, dazu noch eine besonders tragische und folgenschwere“, sagt Rodewig und erinnert sich an familieninterne Verdrängungsprozesse. „Müssen wir denn immer in den alten Wunden rühren? Es war doch schlimm genug!“, sei oft gesagt worden.

So berichtet „Wenn das Eis taut“ auch von den gesellschaftlichen Veränderungen in der Nachkriegszeit, dem Zerfall der landwirtschaftlichen Strukturen. Gab es damals noch 55 Bauernhöfe in Uedesheim, so sind es heute nur noch vier – Reiterhöfe inklusive. Um besser erklären und erzählen zu können, wählte Rodewig die romanhafte Form: „Nicht alles ist genauso passiert, aber die historischen Fakten sind Dokumenten entnommen, die im Familienbesitz sind oder in öffentlichen Archiven aufbewahrt werden.“ Die Geschichte seiner Eltern spinnt sich als roter Faden durch den Stoff. Letztlich geht es um das Ringen um Anerkennung, um das Dazugehören, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

„Das Fährunglück stand latent im Raum“, sagt Klaus Rodewig. So habe er sich entschlossen, diesen Roman zu schreiben: „Für unsere fünf Söhne. Sie sollen wissen, auf welchem Fundament sie stehen.“ Natürlich, so Rodewig, habe er auch gezweifelt und sich die Frage gestellt: Kann ich damit an die Öffentlichkeit gehen? Er beschreibt Familieninterna intensiv und intim. Heute ist er froh, dass er den Schritt gewagt hat: „Die Enkel-Generation findet das super.“ Auch erste Reaktionen auf das druckfrische Buch seien positiv. Für ihn selbst sei die Arbeit an dem Buch eine „Reflexion meines Lebens“ geworden, „in dem ich immer wieder mit inneren Konflikten zu kämpfen“ hatte. Mit dem Erscheinen des Buches habe er auch „ein Stück Frieden gefunden“.

Die Eltern waren, so erinnert er sich, isoliert und einsam. Der Vater wurde in der Familiengruft beigesetzt, die Mutter blieb im Vierergrab allein. Ihre Tonbandaufzeichnung rührte Klaus Rodewig 40 Jahre nicht an. Jetzt hat er sie erstmals angehört: „Die Verhältnisse sind geklärt.“