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Neuss: Kirchturm in Rosellen wird zur Open-Air-Kapelle

Kreative Idee in Neuss : Kirchturm wird zur Open-Air-Kapelle

Wegen der weitgreifenden Einschränkungen durch die Corona-Pandemie entwickelte Karin Oehlmann, Pfarrerin der evangelischen Trinitatis-Kirche in Rosellen, die Idee, einen freistehenden Glockenturm als offene Kapelle zu nutzen.

Seit drei Wochen keine Gottesdienste, keine Begegnungen: Für viele Christen gerade in der Kar- und Osterzeit eine schmerzliche Erfahrung während der Corona-Krise. Doch der Glaube versetzt bekanntlich Berge – und setzt ungeahnte kreative Kräfte frei. So auch bei Karin Oehlmann, Pfarrerin der evangelischen Trinitatis-Kirche in Rosellen. „Wir haben zuerst überlegt, die Kirche zum persönlichen Gebet geöffnet zu lassen. Das Bedürfnis war da“, erzählt sie. Aber anders als in katholischen Kirchen gebe es in den evangelischen oft keinen abschließbaren Vorraum. So hätte man immer jemanden zur Aufsicht in den Kirchenraum platzieren müssen.

Welche Lösung bot sich unter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen an, einen Ort für Andacht und Gebet zu schaffen? Da kam der Seelsorgerin die Idee, den freistehenden Glockenturm auf dem Kirchenvorplatz als eine offene Kapelle zu nutzen. Der Turm wurde 2002 eingeweiht und ist Heimat für vier Glocken. Nächste Aufgabe: Wie wird daraus ein Raum? Den Gedanken an eine Acrylglasscheibe verwarf Oehlmann wieder. Doch sie konnte auf den Ideenreichtum und das handwerkliche Geschick von Jugendleiterin Claudia Tröbs bauen: Tröbs bemalte einen alten Duschvorhang mit bunten Farben zu Hause – alle Materialien waren vorhanden – und schuf ein „Kirchenfenster“ mit Spitzbogen. So entstand ein etwas geschützter Raum, denn die zur Straße gewandte Seite ist nun geschlossen. Die Gestaltung der offenen Kapelle forderte erneut die Kreativität von Pfarrerin Oehlmann. Sie wollte gerne den Kirchenraum der Trinitatis-Kirche von innen nach außen transportieren. „Die Kirche ist etwas arm an bildlicher Darstellung“, sagt sie. Ins Auge fällt am ehesten die Jesusfigur auf dem Taufbecken, die die Schlange mit Füßen tritt: Jesus ist der Sieger über das Böse, das die Schlange in der Bibel verkörpert.

Oehlmann fotografierte die Figur, vergrößerte das Foto und hing das Ganze mit einer Erklärung im Turm auf. Zudem erinnerte sie sich an kleine Folien, die noch vorhanden waren und die nun als Hüllen für Gebetswünsche dienen. An einer Schnur aufgereiht offenbaren sie Nöte und Dank der Menschen. „So entstand ein echter Kraftort“, sagt Oehlmann. Sie erlebe gute Resonanz der offenen Kapelle als einen besonderen Andachtsort. Sehr berührt habe sie die Aussage einer Frau, die dort Trost nach einem Todesfall fand.

Neben Zettel und Stiften für Gebete liegen auch Post- und Spruchkarten zum Mitnehmen bereit. Seit dem 21. März ist der Turm auf diese Weise nutzbar. Wie lange, lässt Pfarrerin Oehlmann bewusst offen: „Bis die Corona-Pandemie vorbei ist und wir wieder Gottesdienste feiern können“, verspricht sie. Eventuell muss der Duschvorhang noch einmal neu gestaltet werden, was aber kein Problem darstellt.

Ganz wichtig war der Geistlichen, dass sie in diesen schwierigen Zeiten mit dem Angebot der Open-Air-Kapelle eine positive Nachricht generiert. Die Idee zum Namen „Offener Kirchturm“ stammt übrigens von Karin Oehlmanns elfjähriger Tochter Anouk. Und die geltenden Sicherheitsbestimmungen erfüllt die Freiluftkapelle natürlich auch: Alle Gläubigen können einzeln eintreten und so den gebotenen Abstand einhalten.