Neuss: Kinderärzte arbeiten am Limit

Versorgung schwierig : Kinderärzte arbeiten in Neuss am Limit

Einen Kinderarzt zu finden, ist schwierig geworden. Die Situation wird sich voraussichtlich in den kommenden Jahren noch verschärfen.

Jürgen Funck ist Kinderarzt in Norf. Eigentlich soll eine Kinderarztpraxis ein Einzugsgebiet von 16.000 Bürgern versorgen. So ist es im Bedarfsplan vorgesehen. Funcks Einzugsgebiet hat 35.000 Einwohner – das Doppelte. Patienten abgelehnt habe er noch keine – allerdings nur wegen personeller Unterstützung. „Ich habe eine Fachangestellte eingestellt, die eine Weiterbildung zur Kinderärztin macht“, sagt Funck. Die müsse er aber „aus eigener Tasche“ bezahlen. Denn egal wie hoch das Arbeitspensum auch ist, die Beträge der Krankenkassen bleiben gleich. Vielen Kinderärzten bleibt darum nichts anderes übrig, als neue Patienten abzulehnen.

Einen „generellen Aufnahmestopp“ hat Dr. Klaus Pierstorff aus Grevenbroich zwar nicht verhängt, dafür aber die Zahl der Neupatienten drastisch reduziert, von sechs auf drei wöchentlich. Wechselpatienten lehne er derzeit grundsätzlich ab – das Arbeitspensum sei einfach zu hoch. „Es ging nicht mehr, sonst wären mir auch die Angestellten weggelaufen“, sagt Pierstorff.

Rein rechnerisch ist der Rhein-Kreis allerdings nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) gut versorgt: 35 Kinderärzte sind dort tätig. Etwa die Hälfte auf dem Neusser Stadtgebiet. Das ergibt eine Versorgungsquote von 150 Prozent, ab 110 Prozent werden Ärzte der jeweiligen Gruppe für das entsprechende Gebiet, in diesem Fall der Kreis, nicht zugelassen.

„Es ist natürlich geplant und beabsichtigt, dass wir Ärzte uns nicht um die Patienten streiten müssen“, sagt Funck. Aber in den vergangenen Jahren seien auch die Vorsorgeuntersuchungen mehr und aufwendiger geworden: Schulschwäche, Adipositas und auch schwierige Familienverhältnisse seien nur einige der Themen, die in der Arbeit vermehrt eine Rolle spielen. „Unser Aufgabenfeld hat sich definitiv erweitert“, sagt Funck. Und auch die steigenden Geburtenraten der vergangenen Jahre erhöhen die Belastung. Auch die KVNo weiß nach eigenen Angaben, dass es „vereinzelt Engpässe“ gibt. Durch „kollegialen Austausch“ gelinge es jedoch meist, die Versorgung der umliegenden Praxen sicherzustellen. „Wir sind in Neuss sehr gut vernetzt. Bisher haben wir noch jeden untergebracht“, sagt Funck.

Doch das kann sich schnell ändern: „Viele junge Ärzte scheuen heute den Schritt in die eigene Praxis, weil sie sich dafür verschulden müssen“, sagt Funck. Das enorm hohe Arbeitspensum sei ebenfalls ein Faktor. „Kinderärzte wollen auch nicht mehr 80 Stunden arbeiten, wie früher“, erklärt Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er fordert mehr Medizin-Studienplätze. Denn überall würden Kinderärzte fehlen – nicht nur auf dem Land, sondern auch in Berlin. „Die Lage wird sich noch weiter verschärfen“, sagt er. Denn in den nächsten fünf Jahren werde ein Drittel aller Kinderärzte bundesweit in Rente gehen.