Neuss: Katharina Mevissen stellt beim „Literarischen Sommer“ Debüt-Roman vor

Literarischer Sommer in Neuss : Roman feiert die Kunst des Zuhörens

Katharina Mevissen stellte beim „Literarischen Sommer“ ihren Roman „Ich kann dich hören“ in der Stadtbibliothek vor.

Osman Engels lebt in Hamburg, spielt leidenschaftlich Violoncello und Fußball. Mit vier Jahren hatte er angefangen, Musik zu machen: „romantisch, konzentriert, mit geschlossenen Augen“. Er will es regnen lassen, doch seine Musik lässt sich nicht erweichen. Er ist vor seinem Vater, einem erfolgreichen Geiger, der sich aber das Handgelenk gebrochen hat, und seiner Ziehmutter Tante Elide in eine WG nach Hamburg geflohen. Engels ist der Protagonist im Debüt-Roman der Wahl-Berlinerin Katharina Mevissen (27), die ihr im Januar bei Wagenbach erschienenes Buch man „Ich kann dich hören“ im „Literarischen Sommer“ in der Stadtbibliothek vor.

Vor einem klassischen Konzert, das er in der Hochschule gibt, erzählt Engels: „Die Abendsonne hat den Saal noch immer nicht verlassen. Sie leuchtet durch das Blattwerk der Kastanie und zeichnet auf das Parkett Felder aus Licht, von schmalen Schattenstreifen unterteilt.“ Das ist der poetische Schreibstil der Autorin, die vor allem für alles Akustische sehr detaillierte Ausführungen völlig ohne Pathos findet. Auch ihre berührenden musikalischen Schilderungen sind sehr kompetent. „Ich habe ausführlich bei Musikstudenten recherchiert“, erzählt sie im Gespräch. „Mich interessierte, wie kann man mit einem akustischen Fokus sprachlich eine Geschichte erzählen.“

Osmans Leben gerät erst in Bewegung, als er auf einem zufällig gefundenen Diktiergerät Szenen einer Urlaubsreise von Ella und ihrer gehörlosen Schwester Jo erlebt. Er erfährt Kommunikation jenseits der Worte, dabei ist die Gebärdensprache zwischen den Geschwistern durchaus sprachlich ausgedrückt.

Der Roman „Ich kann dich hören“ feiert die Kunst des Zuhörens. Dabei hat die Gebärdensprache für die Autorin einen hohen Stellenwert. Auch aus diesem Grunde wurde ihre Lesung in der Stadtbibliothek von den beiden Kölner Gebärdendolmetscherinnen Sophie Hoffmann und Ronja Hollenbach „übersetzt“. Projektleiterin Christine Breitschopf hatte beim Lesen des Romans sofort diese Idee: „Das haben wir erstmals gemacht, und es war nicht so einfach, geeignete Dolmetscherinnen zu finden.“

Katharina Mevissen trägt ihre Lesung leise und zugleich stark vor, so wie es wohl ihr ganzer Roman ist. Die einzelnen Leseabschnitte machten es dem Zuhörer schwer, Zusammenhänge zu erkennen. Aber das war wohl Absicht. „Musik und Gebärden in Sprache umzusetzen – das fand ich ganz faszinierend“, sagt die Besucherin Nadine Marchi (43). „Für mich war auch neben dem interessanten Titel die Übertragung in Gebärdensprache ein Anreiz, zu dieser Lesung zu gehen.“ Sie kaufte wie viele andere Zuhörer auch nach der Lesung den Roman.

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