1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: "Neuss ist mir vertraut geworden"

Neuss : "Neuss ist mir vertraut geworden"

Heute vollendet Friedhelm Farthmann sein 80. Lebensjahr. Kurz vor seinem Geburtstag war er Gast von Redaktionsleiter Ludger Baten beim Talk auf dem blauen NGZ-Sofa. Er zog politische Bilanz in Neuss, in der Stadt, in der er 20 Jahre seinen Landtagswahlkreis hatte.

Schlagfertig und humorvoll, überzeugt und überzeugend — so präsentierte sich Friedhelm Farthmann auf dem blauen NGZ-Sofa. Der SPD-Politiker, der seinen Landtagswahlkreis 20 Jahre in Neuss hatte, stellte sich bei der von der Brauerei Frankenheim unterstützten Talkreihe im "Drusus 1" den Fragen von NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten.

Herr Professor Farthmann, wie sind Sie überhaupt zu Ihrem Wahlkreis in Neuss gekommen?

Farthmann Nun, 1975 war ich Bundestagsabgeordneter, und ich wurde von (Ministerpräsident) Heinz Kühn gefragt, ob ich nicht Arbeitsminister in Düsseldorf werden wolle. Ich hab's gemacht, bin 1980 im Wahlkreis Neuss angetreten und über die Liste in den Landtag gekommen. 1985 habe ich den Wahlkreis erstmals direkt gewonnen.

Als direkt gewählter Abgeordneter wurden Sie zum Schützenfest eingeladen und weigerten sich, einen Frack zu tragen...

Farthmann Ich war der Meinung, dass das reine Fassade, reine Formvorschrift war. Ich wäre heute nicht mehr so stur und würde ihn anziehen. Man kann nicht immer mit dem Kopf durch die Wand und muss Rücksicht nehmen auf das, was die Leute denken. Das war mir damals nicht so bewusst.

Sind Farthmann und Neuss denn danach zusammengewachsen?

Farthmann Ja, das sehe ich so. Die Neusser Mentalität, die mir als Sozialdemokrat, Protestant und Düsseldorfer erst völlig fremd war, ist mir vertraut geworden. Der Neusser Katholizismus ist von einer unglaublichen Toleranz geprägt. Mir sind fast die Tränen gekommen, als ich Neuss verlasse habe.

Ein Freund von Rot-Grün sind Sie nie gewesen...

Farthmann Ich war definitiv dagegen, mit den Grünen eine Koalition zu machen. Ich habe immer davor gewarnt, dass es mit der SPD darunter kontinuierlich bergab gehen würde, und so ist es gekommen. Ein Ministerpräsident in NRW kann voll durchregieren — auch ohne Landtagsmehrheit. Johannes Rau hätte also bis zur nächsten Wahl mit den Grünen pokern können. Denn aus der CDU gab es Signale, dass sie unter gewissen Voraussetzungen den Haushalt mitgetragen hätte.

Sie haben die SPD in Ihrem Buch "Blick voraus im Zorn" vor dem 25-Prozent-Ghetto gewarnt...

Farthmann ...und meine Befürchtungen sind leider eingetreten. Die SPD hat es nicht verwunden, dass die Zeit sozialer Zuwächse vorbei ist. Mit Sozialpolitik ist heute keine politische Schlacht mehr zu gewinnen. Die SPD muss neue Herzensthemen finden, und das hat sie bis heute nicht geschafft. Ob Rente mit 67, Hartz IV oder Agenda 2010 — die eine Hälfte ist dafür, die andere dagegen. So wird es schwer, glaubwürdig zu erscheinen.

Stichwort "Stuttgart 21": Haben sich Politik und Bürger entfernt?

Farthmann Das kann man vielleicht so nennen. Ich glaube, die Bürger spüren, dass es in der Politik nur noch wenig Glaubwürdigkeit gibt. Die Jung-Politiker reden doch nur über ihre eigene Karriere und ihre Hahnenkämpfe. Da hat keiner mehr politische Visionen. Die denken doch nur noch daran, wie sie ihren Wahlkreis kriegen und behalten. Der Opportunismus ist grenzenlos. Und viele jüngere Politiker haben ja gar keine andere berufliche Perspektive und sind dem Parteidiktat schutzlos ausgeliefert. Ich bleibe dabei: Die besten Repräsentanten kommen aus gesicherten beruflichen Existenzen und kämpfen von dort aus für ihre politischen Auffassungen.

Es heißt, Sie wären statt Johannes Rau gern Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen geworden...

Farthmann Das ist falsch. Ich hätte es gar nicht werden können, da ich damals kein Landtagsmandat hatte. Ministerpräsident war nicht meine Option. Ich bin immer eher Macher gewesen und nicht Repräsentant. Aber ich wäre gern Verteidigungsminister geworden. Ich wäre sogar mit dem Parka ins Bett gegangen.

Und was war das Schönste in Ihrem politischen Leben?

Farthmann Das war die deutsche Wiedervereinigung. Sie war in meinem Herzen immer das Hauptthema, auch, als in meiner Partei kein Mensch etwas davon wissen wollte. Die ganzen Genossen von Lafontaine bis Momper haben sich doch den Mund fusselig geredet für die Zwei-Staaten-Lösung. Ich denke, die SPD war da in großer Gefahr, mal wieder mit großer Mehrheit auf das falsche Pferd zu setzen. Willy Brandt hat sie damals vor diesem Unglück bewahrt durch seine berühmte Äußerung "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.

Thilo Zimmermann fasste das Gespräch zusammen

(NGZ)