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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: "Neuss ist mein Praxistest für Berlin"

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe : "Neuss ist mein Praxistest für Berlin"

Der neue Bundesgesundheitsminister spricht über Macht und Fachkompetenz, über Präsenz vor Ort und Zeit fürs Private.

Herr Minister Gröhe, hat es Sie überrascht, dass Sie von Regierungschefin Angela Merkel zum Gesundheitsminister berufen wurden?

Hermann Gröhe Gehen Sie einmal davon aus, dass ich einen gewissen Vorlauf hatte, mich mit diesem Gedanken vertraut zu machen. Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe. Aber ich war auch sehr gern Generalsekretär der CDU Deutschland und hätte mir gut vorstellen können, im Konrad-Adenauer-Haus zu bleiben.

Generalsekretär oder Fachminister — wer besitzt mehr Macht?

Gröhe Jeder nimmt seinen Teil der Verantwortung wahr — zeitlich begrenzt und in einer guten Balance mit anderen Entscheidungsbefugnissen. Als Generalsekretär habe ich gemeinsam mit der Parteivorsitzenden und der Parteiführung insgesamt Verantwortung für die strategischen Leitlinien unserer Politik getragen. In der Fraktion wird daraus konkrete Politik. Und die Ministerien betreiben das operative Geschäft.

Wie wird sich Ihre Arbeit verändern?

Gröhe Künftig werde ich operative Politik in einem Fachressort verantworten. Das ist eine ganz spannende Aufgabe. Bisher was ich eher inhaltlicher Generalist. Aber sowohl als Generalsekretär wie auch als Fachminister geht es darum, politische Prozesse zu steuern, weiterzuentwickeln und öffentlich zu erläutern. Insofern nutzen die Erfahrungen der letzten Jahre.

Welche Fachkenntnisse bringen Sie für das Gesundheitsressort mit?

Gröhe Ich war nie im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Aber ich war zum Beispiel sieben Jahre Vorsitzender des Diakonischen Werkes Neuss. Diese Tätigkeit hat mir wichtige Einblicke in die ambulante und stationäre Altenpflege, die Hospizarbeit und die Gemeindepsychiatrie vermittelt. Im Wahlkreis habe ich enge Kontakte zu den Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen und der Ärzteschaft. Außerdem bin ich nicht alleine. Ich komme in ein gut bestelltes Haus mit hoher Fachkompetenz. Darauf kann ich mich bei meiner Arbeit verlassen.

In keinem Ressort sind die Lobbyisten so stark wie im Gesundheitsbereich vertreten. Scheuen Sie das?

Gröhe Da bin ich nicht bange! Im Übrigen gibt es auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, in der Energie- und Verteidigungspolitik kraftvoll auftretende Interessen. Politik muss immer wieder einen fairen Interessenausgleich bewerkstelligen. Außerdem warne ich davor, zwischen gutem Lobbying etwa von Umweltgruppen und schlechtem Lobbying etwa der Wirtschaft zu unterscheiden. So einfach ist die Welt nun wahrlich nicht. Wenn wir krank sind, wollen wir doch alle gute Ärzte und Pflegekräfte, beste Medikamente.

Wird der Minister Hermann Gröhe in seiner Heimatstadt Neuss noch mehr angesprochen als bisher?

Gröhe Sicherlich nicht weniger. Denn mir liegt daran, gerade im Wahlkreis ansprechbar zu bleiben. Das erdet! Natürlich werden die Gesundheitsthemen künftig eine größere Rolle spielen. Die große Anteilnahme vieler Menschen an meiner Ernennung hat mich sehr gefreut. Zwischen den Jahren war viel Zeit, Glückwünsche zu lesen — zum Teil von Menschen, die ich gar nicht kenne.

Werden Sie künftig mehr oder weniger Zeit fürs Private haben?

Gröhe Das wird sich zeigen. Verantwortungsübernahme in der Bundespolitik setzt immer die Bereitschaft der Familie voraus, dies mitzutragen. Für diese Bereitschaft meiner Familie bin ich sehr dankbar! Und professionelle Unterstützung und gute Arbeitsplanung schaffen auch gewisse Freiräume — wenn man den Apparat nutzt, ohne sich ihm auszuliefern.

Mit Blick auf Ihren Wohnort Neuss: Gefällt Ihnen, dass das Gesundheitsministerium neben Berlin noch einen zweiten Dienstsitz in Bonn hat?

Gröhe In Bonn ist sogar der erste Dienstsitz des Bundesgesundheitsministeriums. Gut 60 Prozent des Personals des Gesundheitsministeriums arbeiten in Bonn. Und die finden es gut, wenn sie den Minister nicht nur einmal im Jahr sehen. Also werde ich mich um eine höhere Präsenz bemühen, die auch Nähe zur persönlichen und politischen Heimat bedeutet. Aber die Zusammenarbeit mit dem Parlament und mit anderen Ministerien spielt sich natürlich in Berlin ab.

Was haben die Menschen im Wahlkreis davon, dass ihr Bundestagsabgeordneter nun Minister ist?

Gröhe Wer in der Bundespolitik besondere Verantwortung trägt, hat weniger Zeit im Wahlkreis. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber die persönliche Zusammenarbeit mit den Kollegen im Kabinett hat in der Vergangenheit schon dazu geführt, dass Minister den Rhein-Kreis Neuss besucht haben und ich für die Belange meines Wahlkreis werben konnte. Außerdem bleibt Neuss mein persönlicher Lebensmittelpunkt!

Was haben die Menschen inhaltlich davon, wenn ihr Abgeordneter Minister in Berlin ist?

Gröhe Ich habe den "Praxistest" im Wahlkreis immer als etwas besonders Wichtiges erlebt. Jede Betriebsbesichtigung, jeder Einrichtungsbesuch und ganz viele Gespräche schärfen das Bewusstsein für die politischen Entscheidungen. Ich argumentiere in Berlin oft mit solchen Erfahrungen aus der Heimat. Praxistaugliche Entscheidungen nützen dann auch bei uns vor Ort.

Wann tritt Minister Gröhe erstmals im neuen Amt im Rhein-Kreis auf?

Gröhe Jetzt stehen erst einmal verschiedene Neujahrsempfänge an. Die besuche ich aber natürlich als Wahlkreisabgeordneter. Denn mir liegt an solchen Gelegenheiten zur Begegnung und zum Gespräch. Zudem gibt es zahlreiche Antrittsgespräche, vor allem Berlin. Der erste "Minister-Termin" im Rhein-Kreis Neuss steht noch nicht fest.

LUDGER BATEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ)