Internationale Tanzwochen in Neuss Ballett-Virtuosen tanzen im Maschinenraum

Neuss · Das Hamburger Kammerballett besteht aus acht klassisch ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern, die als Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Hamburg Schutz suchten. In Neuss sorgten sie für einen großartigen Abend.

 „White Noise“, choreographiert von Edvin Revazov, bildete in Neuss das Finale des Abends.

„White Noise“, choreographiert von Edvin Revazov, bildete in Neuss das Finale des Abends.

Foto: Dennis Mundkowski

Das Gastspiel des Hamburger Kammerballetts hatte im doppelten Sinn mit Krieg zu tun. Zum einen ersetzten die acht Tänzerinnen und Tänzer die israelische Kamea Dance Company, deren Besuch in Neuss wegen des Terrorangriffs der Hamas nicht stattfinden konnte. Zum anderen sind die Hamburger Ballett-Virtuosen als ukrainische Staatsbürger selbst Opfer eines Krieges. Vielleicht könnte man sogar den ersten Programmpunkt des großartigen Abends in der Stadthalle mit dem Thema „Gewalt“ verbinden. Wenn die Performance nicht „Blushing“ sondern „Flushing“ hieße. Denn während Ersteres eine Begleiterscheinung von Verlegenheit, Scham oder Peinlichkeit ist, steht Letzteres für ein Erröten aus Ärger, Zorn oder Wut.

So aber erlebte man zunächst eine von Marco Goecke kreierte, raffinierte Choreographie der Oberkörper. Während die Musik (Tom Waits, Ho Road, The Cramps) rauchige Befehle gab, gewann das Abklatschen eine ständig wechselnde Bedeutung. Köpfe und Hände rangen um ihre jeweilige Dominanz. Bevor die acht nackten Torsi ganz plötzlich eingefrackt wurden, standen sie unter Starkstrom. Man schob sich rückwärts aus der Bahn oder verschwand mit blitzschnellem Seitwärtsgehen von der großen Bühnenfläche.

Gleichermaßen zauberhaft erschien der zweite Programmpunkt „Re-Growth“, einstudiert von dem Schweizer Luca-Andrea Tessarini. Ausstaffiert wie die Figuren eines Schelmenromans folgten die Tänzer in einer Art Maschinenraum den auf englisch, italienisch oder ukrainisch erteilten Zurufen.

Das Hamburger Kammerballett besteht aus acht klassisch ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern, die als Kriegsflüchtlinge in Hamburg Schutz suchten. Edvin Revazov, erster Solotänze in John Neumaiers dortiger Company, wollte, dass seine Landsleute mehr als nur Unterschlupf finden, dass sie eine echte berufliche Perspektive haben. Deshalb gründete er für sie eine GmbH als offizielle Ballettcompagnie: „Mit Sprachkursen und Krankenkasse, damit alle in Deutschland richtig eingebunden sind.“ Eine der Tänzerinnen, Viktoriia Miroshyna, erzählte einer deutschen Zeitschrift, wie der russische Angriff sie aus ihrem bis dahin schönen Künstlerleben riss: „Hier aber, in Hamburg, vergesse ich meine Probleme beim Tanzen. Ich bin vollkommen im Moment.“ Die erste große eigene Aufführung des Kammerballetts fand letztes Jahr in Altona statt.

„White Noise“, choreographiert von Edvin Revazov, bildete in Neuss nach der Pause den dritten Teil des Abends. Das weiße Rauschen ist hier keine Einschlafmusik für Kinder. Vielmehr sorgen die mal härteren, mal weicheren Akkorde von Alexander MacKenzie für eine Art disparate Harmonie unter den Tänzern. Rund um vier Stühle wird wie bereits im Eröffnungsteil viel „gehändelt“ und gefüßelt. Die Zuschauer, die trotz Sperrungen auf der Selikumer Straße den Weg in die Stadthalle gefunden hatten, zeigten sich begeistert.

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