Abschied von Neusser Intendantin Caroline Stolz „König Lear“ wird zum Schlussakkord

Neuss · Mit Shakespeares „König Lear“ Caroline Stolz einen Schlussakkord zu setzen, das traf ins Herz des Neusser Publikums. Für die Intendantin gab es auch ein besonderes Erinnerungsstück.

Gespielt wurde eine Übersetzung von Thomas Melle, die der Dramatiker vor fünf Jahren für die Münchner Kammerspiele geschrieben hatte.

Gespielt wurde eine Übersetzung von Thomas Melle, die der Dramatiker vor fünf Jahren für die Münchner Kammerspiele geschrieben hatte.

Foto: Marco Piecuch

Die letzte Inszenierung in der Zeit der Intendanz von Caroline Stolz war ein gewaltiges Endspiel. Mit Shakespeares „König Lear“ einen Schlussakkord zu setzen, das traf ins Herz des Neusser Publikums. Dazu in einer von jedem Dekor entkleideten Sprache. Hart peitschten die Darsteller ihre Rollenworte aus der Umgebung des Königs. Man schenkte sich nichts, griff bei Bedarf in den Fäkalien-Jargon. Noch vor dem ersten Satz des gut zweistündigen Abends hatte sich Lears treuester Diener Kent (gespielt von Antonia Schirmeister) in einer En-Garde-Position kampfbereit aufgestellt. Wo doch das Motto des Thronübergangs „Verbundenheit und Emotion“ lauten sollte.

Nicht mit dem „alten Recht“ wollte man weitermachen, wenn der greise König sein Land unter den drei weiblichen Nachkommen aufteilte. Ein riesiger Dekor-Teppich als Wandbehang zeigte mit der Aufschrift „Reich“ die Methode an. Fünf Buchstaben durch drei, wie sollte das gut gehen? Etwas fahrig und wenig am Ergebnis interessiert zog Lear (Stefan Schleue) seine neuen Grenzstriche. Hauptsache weg aus dem stressigen Amt, aber weiter mit dem alten Titel geschmückt, das ist doch eine coole Sache, man kennt es aus der Yellow Press.

Caroline Stolz bei der Verabschiedung durch Cornel Hüsch.

Caroline Stolz bei der Verabschiedung durch Cornel Hüsch.

Foto: Andreas Woitschützke

Gespielt wurde eine Übersetzung von Thomas Melle, die der Dramatiker vor fünf Jahren für die Münchner Kammerspiele geschrieben hatte. Ebenso lang ist es her, dass Caroline Stolz ihr neues Amt am Rheinischen Landestheater antrat. Ungeachtet der vielen Turbulenzen des gesellschaftlichen Diskurses in dieser Zeit bleibt Melles glatter, unbeugsame Duktus auf der Höhe. In seiner Inszenierung des gekürzten Shakespeare-Dramas hat der Regisseur Tom Gerber lediglich einige Akzente verschoben. Wo sich der alte König im Ruhestand ein prächtiges Soldatenheer gönnen wollte, muss er sich in Neuss mit Internet-Followern begnügen. Lear „leikt“ Likes, doch selbst die missgönnen ihm die Töchter Goneril und Regan (Nelly Pollitt und Katrin Hauptmann). Cordelia (Hergart Engert), eigentlich der Liebling des Seniors, hält sich da raus und wird prompt über den Ärmelkanal entsorgt: „Du bist jetzt Frankreichs letzter Schrei.“ Nur wenige Tage später traut auch Lear seinen Augen nicht mehr: Als Gast auf den Schlössern der Töchter ist der graue Herr nicht willkommen, kein grauer Star.

Es mochte eine kleine Weile gedauert haben, bis sich das Premierenpublikum an das Neusser Personentableau gewöhnt hatte: Frau Cloucester (in Gender-Umkehr Carl-Ludwig Weinknecht), Frau Kent und alle Männer bewegen sich, zum Verwechseln ähnlich gekleidet, tippelschrittig wie beim japanischen Hofprotokoll. Man begegnet sich stark geschminkt, dazu versehen mit einer dick aufgetragenen Symbolik, einer Art Kainsmal des eigenen Wesens. Das macht es beispielsweise schwer, zwischen den beiden Gloucester-Söhnen, dem bösen Bastard Edmund (Simon Rußig) und dessen seelenreinem Bruder Edgar (Benjamin Schardt) zu unterscheiden. Zumal der, bei Shakespeare noch ein „Peeping Tom“, sich unvermittelt als „Major Tom“ zu erkennen gibt. Wo die Melle-Bearbeitung weiterhilft, das ist bei der Erklärung des grundbösen Charakters von Goneril und Regan: Eine erlebte Kinderschändung hat die Beiden wohl dauerhaft traumatisiert. Langer Applaus für diesen Theaterabend.

Direkt im Anschluss trat Cornel Hüsch auf die Bühne, der Vorsitzende des Trägervereins des Rheinischen Landestheaters. Bereits vor längerem hatte Caroline Stolz ihm mitgeteilt, dass sie nicht plane, ihren Vertrag mit dem RLT nach Ablauf zu verlängern. Hüsch betonte, wie ungern man die überaus erfolgreiche Theaterchefin davonziehen lasse. Vor fünf Jahren hatten er und seine Findungskommission sich von Stolz‘ „ansteckender Fröhlichkeit und zupackender Art“ begeistert gezeigt. Die Neusser Amtszeit dieser Intendantin habe durch schwierige Phasen wie die Corona-Epidemie und lange Tarifstreitereien geführt. Stets habe Caroline Stolz unaufgeregt an Lösungen mitgewirkt oder eigene gefunden. Cornel Hüsch hob besonders die Aufführungen und weiteren Veranstaltungen zum Ukraine-Krieg hervor. In Neuss wurde auch der Sohn der RLT-Chefin geboren, mithin ein „echter Neusser“. Nicht nur deshalb wollte der Trägerverein dafür Sorge tragen, dass Caroline Stolz die Bretter am Tranktor in Erinnerung behalte. Überreicht wurde ihr ein kleines Stück von der Theaterbühne, mit Hüschs Worten das „RLT to go“.

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