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Neuss: Ingo Schulze las aus seinem Roman „Peter Holtz“

Neusser Autor Ingo Schulze : Glücklicher Tor erzählt von großer deutscher Geschichte

Peter Holtz ist eine skurrile Figur, die vom Waisenkind in der DDR zum Millionär in Westberlin aufsteigt, am Ende geht doch alles schief.

Geschaffen hat die Kunstfigur der Autor Ingo Schulze (57), der im Rahmen des Literarischen Sommers in der Neusser Stadtbibliothek aus seinem im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ las. Schon mit zwölf Jahren versucht der in einem DDR-Kinderheim aufgewachsene Peter eine Kellnerin zu überzeugen, dass er seine Zeche nicht bezahlen will, denn mit Geld zu bezahlen ist nicht mit sozialistischen Idealen zu verbinden. In dem großen Roman (576 Seiten) erzählt Peter Holtz in fingierter Autobiographie sein Leben von 1974 bis 1998. Mit unerschütterlicher Naivität stolpert er durch die letzten Jahre der DDR und die ersten im wiedervereinten Deutschland. Nach dem Mauerfall wird Peter durch Immobiliengeschäfte zufällig reich und davon dick. Er will das Glück für alle, im Kapitalismus gelingt es ihm aber nicht, das Geld zum Guten der Gesellschaft auszugeben. Also verbrennt er in einer Kunstauktion lieber öffentlich 1000-Mark-Scheine und landet am Ende dort, wo der Roman begonnen hat: In einer geschlossenen Einrichtung, nun nicht im Kinderheim, sondern in der Psychiatrie.

Seine in diesem Roman relativ steife Sprache weicht Schulze in humorvollen Dialogen auf und hält den Leser so bei der Stange. Selbst die unappetitliche Schilderung von Peters Begegnung mit dem „Lumpenproletarier“ hat enorm viel Komik. Weil die Zuhörer „das Buch aber schließlich selbst lesen können“, nimmt sich der Autor viel Zeit für ein anschließendes Gespräch. 1981 hat er Abitur am Dresdner Kreuzgymnasium gemacht, einer der ältesten (seit dem 13. Jahrhundert) noch bestehenden Schulen in Deutschland. Auch er hat im Schulchor, der Kaderschmiede des weltberühmten Dresdner Kreuzchores, gerne gesungen, „an mir scheiterte aber jeder Kanon“. Auf die Frage, wie Peter Holtz die aktuellen Vorgänge in Chemnitz beurteilen würde, antwortet der Autor: „Es ist schwer, eine Figur, für die es auch kein Vorbild gibt, wieder zu reaktivieren. Ich kann meine Meinung sagen, aber nicht, was Peter denkt.“ Die Meinung von Schulze, der nach der Wende auch eine Zeitlang politisch engagiert war (Neues Forum): „Wir müssen mehr sein, die zeigen, dass man diese Ausschreitungen und ihre Eskalation verhindern kann.“