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Neuss: In der Grundschule "Die Brücke" ist Inklusion selbstverständlich

Serie: Inklusion in Neuss : „Die Brücke“ schafft Verbindung

1995 stieß Schulleiterin Sylvia Decker mit ihrem Ansatz des „Gemeinsamen Lernens“ noch auf Widerstände.

Inklusion, sagt Sylvia Decker, sei für sie erreicht, „wenn keiner mehr darüber spricht“. In Neuss und darüber hinaus war die engagierte Schulleiterin eine der Ersten, die das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne einen besonderen Förderbedarf in die Praxis umsetzte. Und damit bei Vielen aneckte. Das ist heute anders: „Die Brücke“ gilt weit über ihren Standort im Neusser Norden hinaus als Grundschule mit speziellem Knowhow in Sachen Inklusion, die Klassengrößen sind am Limit, seit drei Jahren kann die Schule gar nicht alle Kinder annehmen, deren Eltern sich die Aufnahme dort wünschen.

Aktuell besuchen rund 410 Mädchen und Jungen die Grundschule „Die Brücke“ an ihren zwei Standorten am Weißenberger Weg und der Heerdter Straße, der ehemaligen Barbaraschule. Die besonderen Herausforderungen für die derzeit 43 Lehrkräfte: Rund Dreiviertel der Mädchen und Jungen hat eine Zuwanderungsgeschichte, etwa 100 sind erst innerhalb der vergangenen zwei Jahre nach Deutschland gekommen und werden im Rahmen des Programms „Erstförderung der deutschen Sprache“ unterrichtet. Insgesamt 70 Kinder haben speziellen Förderbedarf: etwa wegen Verzögerungen in der sprachlichen oder geistigen Entwicklung oder kleinen motorischen Sprachschwierigkeiten.

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Andere benötigen emotional-soziale Förderung, beispielsweise wegen einer psychischen Belastung oder aufgrund des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms, besser bekannt als ADHS. In der Schuleingangsphase sind manchmal nur ein, zwei oder drei Kinder mit Förderbedarf in einer Klasse mit 25 Schülern. „Im Laufe der Zeit kommen erfahrungsgemäß weitere Kinder hinzu, so dass wir in den vierten Klassen manchmal acht oder neun Kinder mit Förderbedarf haben, sechs davon im emotional-sozialen Bereich“, sagt Sylvia Decker. Respektvoll und achtsam miteinander umgehen – das ist für Sylvia Decker der Kern gelingender Inklusion.

Viel Wert wird im Schulalltag der „Brücke“ auf feste Regeln und Rituale gelegt: „Das ist für alle gut – für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten jedoch besonders wichtig, weil sie sich an einem Raster entlang hangeln können“, erklärt die Pädagogin. Sie und ihre Kollegen arbeiten seit einigen Jahren erfolgreich mit dem Sozialziele-Katalog. Mit dessen Hilfe soll in den Klassen die Sozialkompetenz gesteigert werden. Heißt: Im Vorfeld werden Ziele für die gesamte Klassengemeinschaft („Wir arbeiten leise“) oder individuelle Ziele für ein einzelnes Kind („Ich beende mein Arbeitsblatt“, „Ich bleibe auf meinem Platz“) festgelegt. Wird das Ziel erreicht, können Sterne oder Puzzleteile gesammelt und gegen eine Belohnung eingetauscht werden: eine Spielstunde auf dem Schulhof, einen kleinen Ausflug, im Sommer ein Eis. „Schafft ein Kind sein Individualziel, gibt es Applaus von der ganzen Klasse“, ergänzt Sylvia Decker.

Wie ist es denn überhaupt mit der Toleranz der „Regelkinder“ gegenüber ihren verhaltensauffälligen Altersgenossen bestellt? „Sehr gut“, versichert die Pädagogin, „da es eingeübt ist.“ Dass jedes Kind anders ist, darum geht es schon im Schullied. Und diese Erfahrung machen die Kinder im Schulalltag. „Jeder kann etwas gut und etwas anderes nicht so gut, jeder besitzt Stärken und Schwächen – auch die Lehrkräfte. Und jeder hat einen Platz in der Gesellschaft. Unsere Kinder machen die Erfahrung, dass sie als ‚Experten‘, die etwas schon beherrschen, jemand anderem Hilfe anbieten können“, erklärt sie. „Auf diese Weise wird ihr Selbstbewusstsein gestärkt, und alle profitieren im sozialen Lernen enorm.“