Neusser Stadtgeschichten: Neuss im Rheinischen Städteatlas

Neusser Stadtgeschichten: Neuss im Rheinischen Städteatlas

Heimat hat Konjunktur. Ausdruck findet dieser Wunsch nach Identifikation mit dem persönlichen Umfeld auch in einem starken Interesse an Geschichte. Stadtgeschichte. In diesem Zusammenhang steht das Projekt "Städteatlas" des Landschaftsverbandes Rheinland der jetzt eine Mappe für Neuss erarbeitet hat.

Wo, bitteschön, liegt Quinheim? Keine Karte dieser Welt verzeichnet diesen Ort, der 1116 erstmalig urkundlich genannt wird und, wie eine Erwähnung aus dem Jahr 1417 nahelegt, in der Nähe des heutigen Grimlinghausen zu vermuten ist. Dass Quinheim nie ein Ortsteil der heutigen Stadt Neuss wurde hat, so vermutet der Historiker Klaus Müller, seine Ursache in der Verlagerung des Rheinlaufs im Mittelalter. Der Strom spülte damals nicht nur Quinheim von der Landkarte, sondern wurde einer der großen "Architekten" der Neusser Stadtentwicklung und damit auch ihrer Geschichte.

Aus dem mittelalterlichen Stadtkern (rot) mit ihrem Burgbann (Bauerbahn) entwickelte sich durch Eingemeindungen die Großstadt der Gegenwart. Foto: woi (Repro)

Dass man die Stadt in ihrer heutigen Gestalt als etwas Gewachsenes begreift, will der Landschaftsverband Rheinland (LVR) vermitteln, der Neuss den jüngsten Band in der Sammlung "Rheinischer Städteatlas" widmet. Es ist der 94. Band dieser Sammlung und, wie der für die Bearbeitung gewonnene Korschenbroicher Müller betont, "die umfangreichste Mappe, die je für eine deutsche Stadt erarbeitet wurde." Die Vorarbeiten hatte das Stadtarchiv ness mit seinem Leiter jens Metzdorf geleistet, das einen Teil der Karten, die zur Veranschaulichung des Wachsens und Werdens von Neuss ausgewählt wurden, in den vergangenen zwei Wochen im Rathausfoyer ausgestellt hatte.

"Novesium, vulgo Neus": Franz Hogenbergs Kupferstich von 1575 aus der Sammlung des Stadtarchivs Neuss zeigt die Stadt noch in den mittelalterlichen Mauern. Foto: woi (Repro

Seit 1972 ediert und publiziert der Landschaftsverband diese Städteatlanten. Dass Neuss als drittälteste Stadt auf deutschem Boden erst jetzt und mit der hohen "Hausnummer" 94 — nach Linnich und vor Titz — Aufnahme in diese Sammlung gefunden hat, wundert Bürgermeister Herbert Napp schon. Aber vielleicht tröstet ihn, dass Düsseldorf, das nächste Projekt in dieser LVR-Reihe, erst nach Neuss derartige Würdigung findet. Auf jeden Fall freue er sich, stichelte Napp bei der Vorstellung des Atlanten in Richtung der Herausgeber, "dass Sie den Mut hatten, sich endlich einer richtig alten Stadt zu widmen." Auf dieses "nicht nur geschichtliche Werk" mit seinen vielen Quellen könne man nun "neue wissenschaftliche Forschungsarbeiten aufsetzen."

Dabei liegt vielleicht genau dort der Grund für die späte Aufnahme in den Städteatlas. "Eines der größten landesgeschichtlichen Projektes in Nordrhein-Westfalen", wie Professor Margret Wensky hervorhob, die für die Gesamtredaktion verantwortliche Leiterin des LVR-Institutes für Landeskunde und Regionalgeschichte. Denn anders als viele andere Städte kann Neuss schon auf zahlreiche Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte zurückgreifen. "Für die meisten der 186 Atlasorte", so verdeutlichte sie den Unterschied, "ist das die erste, fachlich fundiert und aus den Quellen erarbeitete Ortsgeschichte." In Neuss dagegen, so merkt sie auch mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Archivalien aus dem reichen Bestand des Stadtarchivs an, "hatten wir die Qual der Wahl."

Wensky lobt den Band als "hochkompetente Geschichte dieser Stadt", sein Autor Klaus Müller hängt den Anspruch etwas tiefer: "Ein Überblick über die wechselvolle wie faszinierende Entwicklung der Stadt Neuss." Für die macht er vor allem drei große Linien aus: Die Verkehrsanbindung, die wirtschaftliche Entwicklung und die Eingemeindungen, vor allem im 20. Jahrhundert.

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Die Eingemeindungen, so hält Müller in dem Erläuterungsband zu dem Kartenteil nach, erfolgte in "vier Schüben". Aus dem mittelalterlichen Neuss und den ihn umgebenden, durch die Rheinlaufverlagerung veränderten Burgbann wird so die heutige Großstadt Neuss. Die Eingemeindungen beginnen mit der Abtretung von 100 Hektar Fläche der zu Düsseldorf gehörenden Gemeinde Heerdt an die Stadt Neuss im Jahre 1909. Auf diesem Areal liegt heute unter anderem der Übergabebahnhof der als Ring- und Hafenbahn gegründeten Neusser Eisenbahn. 1910 bis 1912 kommen Weissenberg und Neusserfurth hinzu, 1929 werden Teile der Landgemeinden Grimlinghausen, Norf, Hoisten, Holzheim, Grefrath und Büttgen eingegliedert. Seine heutige Gestalt erhält Neuss durch die kommunale Neugliederung im Jahre 1975, als Holzheim, Norf und Rosellen, sowie Flächen von den Gemeinden Neukirchen, Kaarst und der Stadt Meerbusch an die seit dieser Zeit nicht mehr kreisfreie Stadt Neuss fallen.

Mit dem Wachsen der Stadt geht ein wirtschaftlicher Wandel einher. Wichtige Voraussetzungen dafür waren die 1838 abgeschlossene Kanalisierung der (Ober-)Erft, die Neuss wieder an den Rhein anband, der Ausbau des Hafens, sowie die Entfestigung der Stadt im 19. Jahrhundert. "Das Zolltor wurde 1827 auf Abbruch verkauft", erklärt Müller, Hessen- und Niedertor folgten. Das stoppte den Abschwung der Stadt, der mit dem Truchsessischen Krieg und dem Brand von 1586 eingesetzt hatte, und führte Neuss zu einer neuen Blüte. "Bis 1848 war das Handwerk dominierend", weist Müller auch anhand von Karten nach, in denen Firmennamen und Betriebsform verzeichnet sind. Danach steigt die Stadt am Rhein zu einer Industriestadt und einem Verkehrsknotenpunkt auf.

Wie groß der Wandel ist, erfasst jeder, der zwei Karten aus der Sammlung des Städteatlas nebeneinander legt: Das Urkataster von 1811 und ein Ausschnitt aus der Deutschen Grundkarte von 2007. Das Urkastaster, so Müller, zeige das vorindustrielle, ummauerte Neuss. Die Genauigkeit dieser Karte sei größer als bei allen früheren. Sie vermittelt "ein zuverlässiges Bild von der Innenstadt" und nennt Straßennamen, die noch heute gelten. Zum Beispiel "Klockhammer", der älteste Neusser Straßenname.

Dass das Neuss von heute römischen Ursprungs ist, lernt jedes Schulkind. Ob der Platz allerdings durchgängig besiedelt wurde, sei, so Müller, nicht nachweisbar, aber wahrscheinlich. Gegen einen Bruch der Siedlungsgeschichte an der Nahtstelle zwischen Antike und Frühmittelalter spreche eine "professionelle und sehr ergebnisreiche Archäologie", vor allem aber der beinahe durchgehend belegte Name Novaesium, der zuerst bei dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus auftaucht. Der verändert sich bis ins 12. Jahrhundert zu Nussie und taucht danach nur noch in abweichenden Formen auf. "Neus" liest man erstmals auf dem Kupferstich von Braun/Hogenberg aus dem Jahr 1575. Die heutige Schreibweise "Neuss" legte der Stadtrat erst 1968 fest.

(NGZ)
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