Hilfsprojekt für Frauen in Neuss Plötzlich obdachlos

Neuss · Durch verschiedene Umstände verliert eine junge Frau zuerst ihren Job und dann die Wohnung. Mit dem „Wohnprojekt für Frauen in schwierigen Lebenslagen“ gelingt es ihr, die Abwärtsspirale zu durchbrechen.

 „Einzelne Nächte war ich draußen, aber meistens habe ich es geschafft, irgendwo unter zu kommen“, sagt Sarah über ihre Zeit als Obdachlose.   Foto: Woi

„Einzelne Nächte war ich draußen, aber meistens habe ich es geschafft, irgendwo unter zu kommen“, sagt Sarah über ihre Zeit als Obdachlose. Foto: Woi

Foto: Andreas Woitschützke

Es begann damit, dass Sarah ihren Job verlor. Zwei Jahre ist das her. Danach ging es im Eiltempo bergab: Sie brach zu den meisten Freunden den Kontakt ab, weil sie sich schämte, arbeitslos zu sein. Eine Familie, die ihr Rückhalt bot, gab es nicht. Sie wurde antriebslos. Anträge, die sie hätte stellen müssen, blieben liegen. Briefe wurden nicht mehr geöffnet. Schulden häuften sich an und schließlich war die Wohnung weg. Obdachlos.

„Einzelne Nächte war ich draußen, aber meistens habe ich es geschafft, irgendwo unter zu kommen“, erzählt sie. Nach mehreren Monaten erhält sie vom Sozialamt ein Zimmer im Kolpinghaus am Burggraben. Der erste Schritt aufwärts. Der zweite: Ihr zuständiger Sozialarbeiter merkt, dass Sarah allein mit einem Zimmer nicht geholfen ist und er schafft es, für sie einen Platz im „Wohnprojekt für Frauen in schwierigen Lebenslagen“ zu ergattern.

Seit Juli 2020 stehen dort elf möblierte Einzimmerapartments, eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsraum obdachlosen Frauen zur Verfügung. Das Entscheidende aber ist: drei Sozialarbeiterinnen und zwei Pflegekräfte betreuen die Frauen und helfen ihnen, einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden. „Wir erstellen mit den Frauen einen Hilfeplan“, erklärt Constanze Schackert, Diplom-Sozialarbeiterin und Leiterin des Projekts. Darin werden individuelle Ziele vereinbart. Sarahs Hilfeplan sieht vor, dass sie wieder Herr über das Chaos rund um Sozialhilfe, Versicherungen, Gläubigern und Co. wird und dazu Hilfe annimmt. Letzteres fällt ihr besonders schwer. „Meine Betreuerin hat viele Anläufe gebraucht“, erzählt sie. Doch dadurch, dass man ihr Zeit gelassen und sie nicht bedrängt habe, war sie schließlich bereit, sich helfen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrer Betreuerin machte sie Termine beim Amt, bei der Schuldnerberatung, beim Arzt und ließ sich jeweils auch dorthin begleiten. „Gestern bin ich zu einem Gespräch sogar erst allein reingegangen“, erzählt sie stolz. Irgendwann musste die Betreuerin zwar wieder dazu kommen, trotzdem war es ein wichtiger Schritt. Auch andere Ziele aus ihrer Vereinbarung hat sie schon erreicht. „Bei der Schuldnerberatung ist alles geklärt“, so die Neusserin. Einkäufe erledigt sie alleine, Briefe werden wieder geöffnet und regelmäßig bespricht sie mit ihrer Betreuerin, welche Aufgabe als nächstes ansteht und wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Spezielle Regeln für die Apartments gibt es dagegen nicht. „Hier dürfen die Frauen alles, was auch in einer ganz normalen Mietwohnung erlaubt ist“, betont Schackert. Zwar haben die Betreuerinnen einen Zweitschlüssel, aber der sei nur für Notfälle. „Ansonsten ist das komplett ihr eigenes Reich.“ Für die Gemeinschaftsräume dagegen gibt es einen Putzplan, der von den Frauen selbst aufgestellt wurde. Sie sind alle gerne dort und verbringen Zeit miteinander. „Wir haben eine Nähgruppe, an der sich viele beteiligen, eine Kochgruppe, andere malen zusammen“, listet die Leiterin des Projekts auf.

In acht Monaten läuft Sarahs Mietvertrag aus. „Bei Bedarf kann er aber um ein Jahr verlängert werden“, so Schackert. Und: Wenn die 26-Jährige es möchte, betreuen die Sozialarbeiterinnen sie auch nach ihrem Auszug eine Zeitlang weiter. Sarah nickt eifrig. Wieder ganz auf eigenen Beinen zu stehen, traut sie sich noch nicht zu. Aber sie ist sicher: Das Wohnprojekt war das Beste was Ihr passieren konnte, um die Abwärtsspirale zu durchbrechen.

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