Neuss: Heimatfreunde auf Zeitreise beim Historischen Abend

Historischer Abend in Neuss: Heimatfreunde auf Zeitreise

Beim „Historischen Abend“ im Romaneum ging es um Wein, die Hanse und Mühlen.

(jro) Schon seit Jahren glorifizieren Ritterspiele, Mittelaltermärkte und Serien wie „Game of Thrones“ die Zeit zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert. Was die Neusser im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wirtschaftlich bewegt haben, erfuhren jetzt die Gäste des „Historischen Abends“ der Vereinigung der Heimatfreunde Neuss. In diese Epoche fiel die Blütezeit der deutschen Hanse – das sei ein Argument für das Thema gewesen, erklärte Josef Burdich, Leiter des Marienberg-Gymnasiums, der die jährlich stattfindende Vortragsreihe organisiert hat. „Wir richten den Blick heute schon auf das Jahr 2022. Dann nämlich findet der Hansetag nach 1984 zum zweiten Mal in Neuss statt.“

So hörten die rund 100 Besucher im Pauline-Sels-Saal die Antwort auf die häufig gestellte Frage, ob Neuss eine Hansestadt war. „Ein entschiedenes ,Jein‘“ – so lautete das Fazit von Stadtarchivleiter Jens Metzdorf in seinem Vortrag „Neuss, der Wein und die Hanse“. Zwar gestattete Kaiser Friedrich III. der Stadt im Jahr 1475 die Rechte einer Hansestadt. Ob Neuss wirklich Mitglied dieses Städtebunds war, sei nirgends belegt, erklärte der Historiker und Archivar. „Die Hanse hatte weder Satzung noch greifbare Struktur. Außerdem wurde in der Frühphase nie schriftlich festgehalten, wer dazugehörte.“ Einzige Organisationsform: der alljährliche Hansetag, an dem Neuss nie teilnahm. „Ein loses, aber erfolgreiches Netzwerk“, so Metzdorf. Als sicher gelte, dass Neuss als Bei-Stadt der Portal-Stadt Köln eine „der Hanse zugehörige, also eine hansische Stadt“ gewesen sein musste und zudem lange vor dem 15. Jahrhundert Handelsnetzwerke geknüpft habe. Im Weinhandel beispielsweise avancierten die Neusser Kaufleute zu wahrhaften Experten. „Heute schwer vorstellbar“, räumte er ein. Im Mittelalter prosperierte der Handel mit Wein, den die Neusser Kaufleute mit Schiffen und Fuhrwerken von der Mosel, vom Mittelrhein und aus dem Elsass nach Neuss brachten. Hauptsächlich wurde der edle Tropfen nicht von den rund 5000 Neussern selbst getrunken, sondern vor allem nach Norden exportiert und in der Umkehr Hering und Salz von Nord- und Ostsee importiert.

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Ebenfalls von herausragender Bedeutung waren im  mittelalterlichen Neuss die Mühlen, bemerkte Kunsthistoriker Christian Frommert in seinem Vortrag zur wirtschaftlichen Infrastruktur. „Im achten Jahrhundert entstand die erste Wassermühle an der Erft“. Schnell kamen weitere hinzu; im 15. Jahrhundert auch in den Stadtgräben, etwa am Ober-, Nieder-, Rhein- und Hammtor. Nicht nur in der Getreide- sondern auch in der Rapsölherstellung war Neuss schon damals in Deutschland führend. Dass das bis heute so sei, könne man insbesondere bei Ostwind riechen – wenn die Gerüche der Ölmühle Sels Richtung Innenstadt wehen, bemerkte Frommert.

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